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Mein Gott!!!  35 Jahre sind das nun schon....also seit 35 Jahren stehe ich regelmäßig auf der Bühne, anfangs natürlich erst mal selten, seit 25 Jahren mit an die 150 Konzerten im Jahr. 

Da will ich mal versuchen, pro Jahr ein Highlight-Konzert zu finden und zu beschreiben, so gut es die Erinnerung zuläßt. Hier die 90er (manchmal gibt es Bezüge auf das beschriebene Geschehen in den 80ern) :

 

 

 

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18.9.1990: Rod Marshall in der Studentensiedlung

Rod Marshall, fl; Kevin Gerzevitz, p; Frank Goos, sax; Peter Baumgärtner, b; Rainer Heuberger, sax

Frank wohnte damals noch in der Studentensiedlung am Seepark; wohl nicht mehr ganz rechtmäßig, denn seit ich ihn kannte, hatte ich nichts von einem etwaigen Studium bemerkt. Ich dagegen studierte ja so gerade noch, wohnte dafür aber nicht in der Siedlung.... Bemerkenswert, daß dennoch wir beide den Musiktrakt in fester Hand hatten, zumindest, was die jazzige Richtung anging, also den sogenannten Kammermusiksaal mit dem Flügel und für Konzerte wie dieses auch die ebenerdige Teestube. Zu den Rockern, die im Keller angesiedelt waren, hielt ich auch losen Kontakt, spielte sogar in einer der Vorläuferformationen der späteren Cadillac Bluesband, aber wie gesagt: eigentlich waren wir die ebenerdigen. Dort hatte ich eine Session gegründet mit ganz eigenen Gesetzen (mehr so eine workshop Band mit wechselnden Leitern), wir probten da mit Baby´s Saxophone und schließlich begann Frank mit verschiedenen instrumentalen Jazz Combos, da ihm das Baby´s - Korsett wohl etwas eng wurde, er in seinen anderen Freejazz Projekten aber wohl den Publikumszuspruch vermißte.

Dabei war ihm in der Siedlung der Austauschstudent Kevin Gerzevitz über den Weg gelaufen; was auch immer der studierte (wegen Musik war er auf jeden Fall nicht hier), der spielte für unsere Verhältnisse exzellent Klavier und hatte vor allem einen stilistisch gewachsenen Zugang zu dieser Musik. Auch wenn er Frank nie auf seinen exaltierten  Solopfaden folgte, schaffte er immer einen Zusammenhang, der das wilde Spiel irgendwie glaubhaft wirken ließ, das ging uns ja bei Baby´s Saxophon völlig ab. Wir spielten eine ganze Reihe Konzerte in jener Zeit, und bei einem davon (vermutlich im Jazzhaus) muß uns auch Rod Marshall über den Weg gelaufen sein. Der war damals schon ordentlich über 60, hatte ein langes Musikerleben hinter sich, ursprünglich am Saxophon, dann aufgrund der dritten Zähne Wechsel zur Querflöte. Zudem war er der Schwiegervater von Ray Austin und schließlich hatte er einen beißenden englischen Humor, der sich nicht scheute, spöttisch zu werden, wenn er etwas als spießig ausmachte.

Rod war z.B. einer, der ganz offen das Baby´s Saxophon Konzept als unbedarften Blödsinn anprangerte; um so respektabler, daß er Frank und mich in dieser anderen Konstellation mit Kevin durchaus schätzte. (Wiewohl das wohl primär Kevins stilistischem Verständnis zu verdanken war.) So richtig sarkastisch wurde er, wenn es um seinen Schwiegersohn, Ray, ging: Der lebte ja schon seit fast 20 Jahren hier und war ein Schwergewicht in der Dixieland Szene -- unerträglich rückständig für den 20 Jahre älteren Rod, der auch sichtlich stolz war, hier in ein paar Wochen Urlaub mehr Kontakt in die moderne Jazzszene zu bekommen, als Ray es in Jahrzehnten geschafft hatte.

Nun hatten wir ihn also in die Teestube der Siedlung zum Konzert eingeladen, und wir hatten uns auch vorher mit ihm getroffen, um einige seiner Stücke und Arrangements zu lernen - Stücke wie: "Sweet Dragon", eine Widmung an seine Frau, die mir noch gut im Ohr ist, denn Rod kam danach in den 90ern regelmäßig nach Freiburg und fast jedes Jahr spielten wir eine paar kleine Konzerte. Unvergessen aber seine pointierten Aussprüche wie an jenem ersten Abend, als er mir in der Pause zum Thema Schlagzeug erklärte: "You know, the French they SWING! The Germans are good on marches."

 

 

 

 

 

25.11.1991: MKD LBO im Jazzhaus

Jan Fitschen, git, stick, b, voc; Alex Paeffgen, key

Und da taucht sie also auf, die Kapelle mit vollem Namen "Mr. King´s Delite Low Budget Orchestra", die erste, die ich so voll und ganz "meine" Kapelle nennen kann. Lutz Rogal hatte Freiburg verlassen, aber daß ich mit Jan weiter machen würde stand außer Frage. Mir ging es aber nicht nur darum, "Ersatz" am Keyboard zu finden, ich wollte die ganze Sache bei der Gelegenheit komplett übernehmen, folgerichtig: neuer Name und nun eindeutiges Schroeder Regiment, nun ganz offiziell. Ob Programmauswahl, generelle Ausrichtung, Namen für meine Mitmusiker und dementsprechende Bühnenkleiderverordnung, Präsentation, Arrangement, Werbetexte, Plakate - jetzt hatte ich es in der Hand; und da einiges davon -ehrlich gesagt- eine ziemliche Scheißarbeit ist, waren die beiden Mitstreiter wohl auch ganz zufrieden mit der neuen, bisweilen recht autokratischen Struktur.

Das Programm an jenem Abend bestand, wie eigentlich immer in den nächsten Jahren, zu einem Drittel aus Jans bewährten "Progpop" Stücken, von denen die meisten ihr Haltbarkeitsdatum bis heute längst noch nicht überschritten haben! Ein weiteres Drittel waren Covers; hier versuchte ich, die Sache ins zappaeske zu bewegen, ohne meinen Fable für den Meister allzu deutlich werden zu lassen. Es waren also z.B. an jenem Abend "Whipping Post" oder der "Tibetan Memory Trick" zu hören, eigentlich von den Allman Brothers und Flo & Eddie, aber der Kenner bemerkt natürlich den Zappa - Bezug. Und dann das letzte Drittel: Meine Stücke. Zum ersten Mal. Stücke....nun gut, so würde das nicht jeder nennen: Das war etwa eine notierte Komposition für Plastiktütengeraschel und rhythmisches Schachspiel. Oder "Sorry For The Mistake" eine rein rhythmische Komposition mit weitgehend freier Wahl der Tonhöhe. In dieser Art habe ich in den folgenden Jahren noch ein paar Stücke geschrieben, und es hat mich immer gewundert, daß die Kollegen ausnahmslos mehr Schwierigkeiten mit der freien Tonwahl hatten, als wenn ich ihnen irgendwelche definierten Linien vorgelegt hätte. (Deswegen hatte ich auch später beim Versuch die "Ionisation" von Varese für Rockband(instrumentarium) umzuschreiben tatsächlich "zur Vereinfachung" alle Sounds in definierte Tonhöhen "übersetzt".)

Ich kann über diese Zeit wahrlich ins Schwärmen geraten, halte sie für meine kreativste und wünsche mir oft, ich könnte das gleiche, aber mit meinen heutigen spielerischen Möglichkeiten noch einmal machen. Nicht genug mit den Stücken selbst, mit denen wir uns bis aufs Äußerste forderten, natürlich wurden die auch noch mit bisweilen atemberaubenden Breaks miteinander verbunden, so daß eigentlich gar keine Zeit zum Durchatmen blieb.

Wie abgefahren das alles war, merkte ich damals noch nicht einmal, dafür war ich zu sehr mittendrin, womöglich hätte ich Angst vor der eigenen Courage bekommen....

Signifikant aber folgendes: Zum 20 jährigen trafen wir drei uns tatsächlich wieder und bestritten einen ganzen Abend im Waldsee mit Teilen dieser alten Programme, diesmal mit einem deutlichen Übergewicht von Jans Stücken. Trotz all der Erfahrung, auch des spielerischen Fortschrittes eines jeden von uns.....ich glaube, wir haben unser damaliges Level (was auch immer das genau ist) nicht erreicht, geschweige denn jetzt "das ganze mal in richtig gemacht", wie man ja gerne glauben möchte. Nein, das war tatsächlich schon so ein komplexes kleines Universum, daß man das auch mit überlegenen spielerischen Mitteln nicht einfach übertreffen kann, ohne sich wirklich noch einmal voll (und dauerhaft) in die Sache reinzuwerfen. 

Eine nicht unerhebliche Erfahrung.

 

 

 

 

 

 

4.1.1992: Don Cherry im Cameo theatre, Miami

 

Auf der Bühne ist es mucksmäuschenstill. 12 Musiker stehen im Halbdunkel halbkreisförmig um einen kleinen Teppich, warten. Das ist nicht der Beginn des Konzertes; das recht bunt zusammengewürfelte Ensemble (drei Schlagzeuger, E-bass, E-Gitarre, Vibraphon und der Rest Bläser verschiedenster Coleur mit starkem Holzübergewicht - etwa die Hälfte aus Deutschland, der Rest Amis oder nicht genau zu definierender Herkunft) hat schon zwei oder drei Stücke gespielt unter Leitung des omnipotenten Peter Apfelbaum, zu jener Zeit die rechte Hand des Meisters. Nun aber soll er auf die Bühne kommen. Und er kommt. Fast schon in Miles Davis Manier aus dem völligen Dunkel nun ins Halbdunkel der Bühne, wo er im Schneidersitz auf dem Teppich Platz nimmt. Don Cherry beginnt ein Solo auf der Nguni, einer afrikanischen Gitarre - mittlerweile recht populär durch unzählige Weltmusik Events. Damals, als es diesen Begriff noch gar nicht gab, ein sehr exotisch anmutendes, vor allem exotisch klingendes Gerät. Die ohnehin sparsame Art seines Spiels der letzten Jahre erklingt mit diesem etwas fisteligen Instrument (welches zudem schwer zu verstärken ist) noch um ein Stück mehr Richtung "Nichts", aber zugleich auch sehr geheimnisvoll. Kurzes Innehalten, dann ein zweites Solostück, oder ist es ein anderer Teil des gleichen Stückes....ich habe keine Ahnung. Ich habe die CD dieser Schaffensphase von ihm (Multikulti) erst später gekauft, hatte überhaupt keine Vorstellung, was auf mich zukommen würde....

Der zweite Teil des Solos ist fertig gespielt, verhaltener Applaus des immerhin 500 Leute zählenden Publikums. Cherry steht auf, geht zu einem der Musiker, schaut ihn an und singt im eine Phrase vor, läßt sie ihn wiederholen, dann eine andere Phrase, dann zum nächsten Musiker und das Spiel wiederholt sich allerdings mit gänzlich anderen Phrasen. Er kommt zu mir, stellt sich vors Schlagzeug und singt mir etwas vor, was rhythmisch nicht eben leicht zu identifizieren, geschweige denn nachzumachen ist. Ich versuche mein bestes, er korrigiert kurz, indem er einen bestimmten Teil seiner Figur akzentuiert singt  und schon singt er mir eine andere Figur vor, ebenfalls -wenn überhaupt schlagzeugkompatibel- dann eher unter "Fill In" zu fassen, denn als groove oder Pattern. Immerhin scheint er mit meinen Nachahmungsbemühungen zufrieden, denn ohne weitere Korrektur wendet er sich dem nächsten Musiker zu. Wir, die schon an der Reihe waren, haben nun nicht den blassesten Schimmer, ob wir fortfahren sollen, die verschiedenen Angebote im Wechsel spielen sollen, oder auf weitere Direktive warten. Die verschiedenen Spieler treffen je nach Typ sehr unterschiedliche Entscheidungen, ich für meinen Teil entscheide zumindest auf "Spielen", denn dafür bin ich ja gekommen. Es dauert nun eine ganze Weile, bis Cherry mit allen fertig ist, seinen musikalischen Direktor Apfelbaum sucht er natürlich nicht auf, der muß ja selbst wissen, was er spielt. Zum einen füllt sich allmählich natürlich der Sound, je mehr Musiker er mit seinen Anweisungen versehen hat; zudem aber werden auch allesamt etwas beherzter in ihren Entscheidungen, je länger die ganze Situation andauert. Nun ist Cherry mit dem letzten fertig, geht wieder zu seinem Teppich und lauscht dem Klanggebilde, das eine ganz eigenartige Mischung aus repetitiven Phrasen, aber auch ganz freien Sounds darstellt; letztere von denen produziert, die sich von ihren vorgesehenen Figuren bewußt oder unbewußt entfernt haben. Ab und zu lächelt Cherry einen Musiker im Halbkreis an, was als Aufforderung zu solieren interpretiert werden könnte, und nach einer halben Stunde ist dieses Stück dann zu Ende. Ob das gute Musik war? -- Ich weiß es nicht, auch damals nicht: Zu sehr war ich damit beschäftigt, der Verwirrung Herr zu werden. Und das gelang mir bestenfalls auf ganz individueller Ebene, bestimmt aber nicht einen größeren Zusammenhang erkennend. Das muß aber nichts heißen, schließlich machen sowohl Cherry, als auch Apfelbaum einen ganz zufriedenen Eindruck.....

Für das nächste Stück räume ich den Platz am Schlagzeug, denn wir sind drei Trommler, haben aber nur zwei Sets. Anstelle irgendwelcher percussiver Eskapaden mit den herumliegenden Shakern und Rasseln verlasse ich lieber komplett die Bühne, um mir auf der gegenüber liegenden Saalseite an der Bar ein Bier zu holen. Auf dem Weg fängt mich ein zwei Zentner Hühne aus dem Publikum ab und bellt mich mit unverkennbar südstaatlichem Akzent an: "How long will this bullshit go on? When is Cherry gonna come on stage?!" Ich erkläre ihm, daß Cherry schon die ganze Zeit auf der Bühne ist, er ihn vermutlich nur in Ermangelung seines Kornetts nicht erkannt hätte....

Momentan hält Cherry sich aber sehr zurück, denn als zweites wird ein fast konventionelles Stück gespielt, welches wir in den Tagen zuvor ausgiebig mit Apfelbaum geprobt hatten: "Until The Rain Comes". Sehr schade, daß ich ausgerechnet jetzt den Schlagzeugstuhl übergeben hatte, denn es ist fraglos mein Lieblingsstück von allen, mit denen wir uns beschäftigt hatten. Ich habe es dann zur Wiedergutmachung eine ganze Zeit lang zu Hause mit meiner eigenen Band gespielt, in ganz unterschiedlichen Versionen. Das eingängige (aber verzwickte) Ostinato und der furiose zweite Teil mit einer ganzen Reihe feuriger Soli, entlockt dem Publikum schon mehr Reaktionen, und als Cherry dann im dritten Stück schließlich doch noch das Kornett (oder ist das eine bugle?) auspackt und soliert, sind alle ganz seelig und applaudieren wild. Und das war es dann auch schon - zumindest in Sachen Cherry; der findet, er habe seine Schuldigkeit getan und entschwindet hinter die Bühne. 

Der letzte Teil des Konzertes wird nun noch mit ein paar Karl Berger Stücken (unter seiner Leitung) bestritten und ganz zum Schluß, als Zugabe spielen dann die "Chefs" noch eins in kleiner Besetzung, also Cherry, Berger, Apfelbaum und der famose Nana Vasconcelos, der schon für sein am folgenden Abend geplantes Solokonzert angereist war.

Es war schon eine skurrile Nummer. Irgendwie waren ich und noch zwei Freiburger über Werner Englert, der über Karl Berger darein gerutscht, wie die anderen dahin kamen, weiß ich nicht. Niemand kannte Don Cherry vorher persönlich (und so wirklich kennengelernt haben wir ihn ja auch nicht), es war eigentlich eine pure Workshopband, dennoch als reguläres Don Cherry Konzert angekündigt. Schon ein kleiner Etkettenschwindel, aber für mich eine großartige Zeit! Wie so oft: Vielmehr das drumherum, das Proben, das Leute Kennenlernen und eigentlich nur am Rande das Konzert selbst. Trotzdem hätte ich so gerne eine Aufnahme davon.....wer kennt sich aus in der Bootleg Szene?

Cherry war in den Probetagen vorher einmal im Proberaum aufgetaucht, natürlich nicht um zu proben, aber immerhin verbrachten wir eine Pausenlänge mit ihm und so beschränkt sich meine persönliche Erfahrung mit ihm auf seinen bemerkenswerten Ausspruch: "Ich gehe nicht mehr gerne in Plattenläden. Da fühle ich mich, wie auf einem Friedhof." Drei Jahre danach starb er.

 

 

 

5.12.1993: Dave Liebman in Kollmarsreute

Florian Döling, b; Johannes Mössinger, p

Einmal mehr Werner Englert: Der hatte also Liebman für einen Saxofonworkshop an seiner Musikschule engagiert und suchte nun ein Begleittrio. Zwei oder drei Tage backing band für den Workshop, dann ein kleines Konzert mit dem "Meister" selbst in irgendeinem merkwürdigen Nobelrestaurant auf dem Lande. Und dafür sollten wir auch etwas Geld bekommen, und mit so Namen will ma ja auch spielen.....  dachte ich bislang.

Nun, in der Liste der herausstechenden Konzerte muß es auch mal eins geben, das wirklich "sticht" - und zwar schmerzhaft! Zwei Dinge vorweg: Ich habe in meinem Musikerleben wirklich nur ganz selten schlechte Erfahrungen gemacht (kann mich also wirklich nicht beschweren) und selbst in diesem Fall bin ich eigentlich ganz ungeschoren davon gekommen; und trotzdem: Liebman ist bis heute unter den Top 3 der Unsympathen, mit denen ich selbst gespielt habe; dabei hat der damals nicht einmal harte Drogen genommen, soweit ich das beurteilen kann....

Es waren also ca. 10 Saxofonisten aus ganz Deutschland zur "masterclass" erschienen, darunter auch zwei werte Kollegen aus Freiburg. Direkt zu Beginn forderte Liebman jeden auf, unbegleitet einen Standard nach Wahl zu spielen. Danach zerriss er dann die Leute. Ich kann mich nicht an alle Kommentare erinnern, wohl aber an den gegenüber M., einem der damals wie heute renommiertesten Saxer Freiburgs: "Junge, da war nichts falsch, aber mich hat keine einzige Deiner Noten interessiert." -- Das war also erst mal der Einstand, die Begrüßung gewissermaßen. Und so setzte sich das die nächsten Tage fort. Mit allen. Lediglich an einem Teilnehmer aus Frankfurt ließ er ein gutes Haar, zeigte sich interessiert, ließ ihn in den Pausen neben sich sitzen etc.; der Kollege, ich will auch ihn nicht kompromittieren, ist wirklich ein toller Saxofonist, ich habe mir später extra eine Platte von ihm gekauft, nur: bei Liebman schien das gar nichts mit dem Spielen zu tun zu haben: Der Mann war offenkundig jüdischer Herkunft, ich glaube sogar gläubig, spielte auf jeden Fall auch in einer prominenten Klezmerband..... Darum schien es eigentlich zu gehen, und das war mir für den Kollegen genauso peinlich, wie für die anderen, die Liebman mit sichtlicher Freude fertig machte.

Ich selbst kam, wie gesagt, glimpflich davon; einmal setzte er sich selbst ans Schlagzeug, um zu demonstrieren, daß ich ruhig mehr Gas geben könne. Das war soweit in Ordnung, sogar ganz imposant, wie dieser Typ trotz Kinderlähmung eine ganz solide threeway independent coordination abfeuerte, aber das war ja auch im Workshop Raum.

Endgültig verkackt hat er es dann beim Konzert: Zwar hatte er sich extra Dieter Ilg als Duo Partner (den wohl einzig adäquaten für ihn) kommen lassen, aber aus irgendwelchen Gründen stand nun auch ein kleines Set mit der Begleitband an. Wir spielten also "India", das hatte auch schon im Workshop eine Rolle gespielt, und nun wollte er wohl mal zeigen, wie man da "richtig" drüber spielt. Eigentlich ist es ja unter seiner Würde, mit so ein paar Pomeranzen zu spielen, aber nun muß er halt - und so versucht er jetzt schon im Eröffnungsthema so zu phrasieren, daß es wirklich schwer ist zu folgen. Ich habe es da noch relativ gut, denn in diesem modalen Stück muß ich nicht viel "Formarbeit" leisten, abgesehen davon, daß er sich das während des Workshops schon verbeten hatte....für mich ging es "nur" darum, ein bestimmtes Energielevel zu halten, damit fühlte ich mich nicht mal so unwohl.

Nachdem er also im Thema schon alles getan hatte, die beiden Kollegen möglichst aus der Form zu kicken, hub er nun zu einem ausladenden Solo an, natürlich länger als irgendjemand in den vorangegangenen Tagen jemals soliert hatte. Allein das wirkte schon recht aufgesetzt, dann aber auch sein Solo selbst: Alles ein bißchen mehr als normal, oder wie man es von seinen Platten kennt; immer eine kleine Extraportion Zeigefinger. Nein, interessant oder gar schön fand ich sein Soprangequäke nicht, aber zu dem Zeitpunkt war ich -zugegeben- auch schon sehr voreingenommen. Nach anderthalb Ewigkeiten ist sein Solo vorbei, nun ist Mössinger mit dem Klavier an der Reihe, nimmt als erstes mal einen Gang raus, nach dem Tohuwabohu, will zunächst die Wellen glätten, zu einem ruhigen Aufbau finden.....hat aber die Rechnung ohne den Liebwirt gemacht: Dem paßt das nicht, und prompt setzt er sich auf die Klavierbank, schiebt Johannes weg und fängt selbst an zu solieren.

Bis auf den heutigen Tag ärgere ich mich, warum ich nicht einfach zu spielen aufgehört habe und ihn mit seinem Egoproblem allein gelassen; das wäre in dieser Art Jazzmusik ein deutliches Zeichen, aber dennoch auch irgendwie legitim, nicht nur destruktiv gewesen......ich habe es damals gar nicht erwogen, so weit war ich noch nicht. Schade!

Mehr brauche ich an diesem Konzertereignis nicht zu beschreiben; insgesamt möchte ich Liebman noch berichten, daß einer seiner Teilnehmer (ein toller Freiburger Musiker, dem ich viel zu verdanken habe) sich als Resultat dieses Workshops ganz offensichtlich aus dem aktiven Spielen stark zurückgezogen hat, vielleicht war das ja Liebmans Absicht.....

Im Gegenzug habe ich mir nie wieder irgendetwas von Liebman gekauft, weder Platte noch Konzertkarte, und seine Scheibe "Pendulum" (ehedem eine meiner Lieblinge) habe ich zwar nicht weggeschmissen, aber sie macht mir auch keine rechte Freude mehr....

So bin ich einerseits froh, die allermeisten "Heavies" in meinem Plattenschrank nicht persönlich kennengelernt zu haben; andererseits bekomme ich tatsächlich unter denen, die ich kennengelernt habe (und ein paar sind das ja schon), keine fünf wirklich unangenehmen zusammen. Herzlichen Glückwunsch Liebman! In meiner Liste bist Du also, was Du ja so unbedingt sein willst: Ein Ausnahmemusiker.   ;-)

War das jetzt auch mal ein Aufsatz, der das unvermeidliche "namedropping" in solch einer Artikelreihe relativiert? -- Ich hoffe.

 

 

28.3.-2.4.1994: MKD LBO im Waldsee

Jan Fitschen, git, voc; Josch Martin, b; Bertrand Gröger voc; Christine Engel vibes, perc; Alex Paeffgen, key; sowie jede Menge Gäste

 

 

Eine ganze Woche Waldsee! Jeden Abend, rund um meinen 29. Geburtstag, das könnte ein sehr langer Artikel werden...das will ich lieber auf die beiden wesentlichen Gedanken reduzieren:

 Wo hätte sowas stattfinden können, wenn nicht im Waldsee, mildtätig gefördert von Achim! Den habe ich ja nun verschiedentlich erwähnt, aber das hier war schon besonders -- so etwas habe ich nie wieder irgendwo machen können.

 Auch daß ich uns ordentlich forderte in jener Zeit, wurde bereits erwähnt, aber auch diesbezüglich ein Höhenpunkt: Sechs aufeinanderfolgende Konzerte mit sechs verschiedenen Programmen (allesamt mit Überlänge), noch dazu mit jeweils verschiedenen Gästen, die immer erst am Nachmittag eingeprobt wurden. 

Wie extrem das war, könnte folgende Anekdote belegen: Für einen der Abende hatte ich Jörg Steffens als zweiten Schlagzeuger und Nandico am Waldhorn, beide aus Leipzig, eingeladen. Für mich schon auch eine repräsentative Besonderheit, denn damit zeigte ich mich ja auch ein bißchen als "global player" mit Kontakten in den noch gar nicht so lange ehemaligen Osten. (Das war allerdings auch schon bemerkenswert, denn ich hatte tatsächlich gerade mit den beiden auf einem Impro-Festival in Leipzig gespielt, ganz privater Kontakt, nicht -wie damals üblich- vom Staat als Aufbau Ost in die Wege geleitet und gepampert.)

Gut, die beiden kamen also aufgrund der langen Fahrt schon einen Tag vor ihrem eigenen Gastauftritt an, wohl irgendwann nachmittags. Daß sie in einer Reihe von täglichen Auftritten spielen würden, wußten sie, grob auch was für Stücke.....aber etwas irritiert waren sie schon direkt nach der Ankunft: Anstelle einer ausufernden Begrüßung, am besten schon mal mit kaltem Pils, hatte ich gerade mal ein Hallo und zwei, drei Worte übrig, denn wir waren ja mitten in der Probe für diesen Abend. Nun gut, Pils war ja da im Waldsee, also schauten sie sich den Rest der Probe an; die dauerte bis kurz vor Konzertbeginn, dann Konzert, dann Essen, dann mußte ich mich ja auch ein wenig um die Gäste des betreffenden Abends kümmern und als ich endlich etwas durchatmen konnte, mich zu meinen Leipzigern gesellen wollte, war der eine schon im Bett (ich hatte sie unmittelbar in Waldseenähe untergebracht). Immerhin mit Jogi klöhnte ich dann noch etwas, besprach schon mal das Vorgehen für den nächsten Tag, auch schon ein paar Details unserer Drum Battle, die logischerweise ein sehr spezieller Teil dieses Abends werden sollte. Der Abwesenheit des Hornisten schenkte ich nicht so viel Bedeutung, es war ja schließlich eine lange Fahrt gewesen...... bis dann am nächsten Tag zur vereinbarten Zeit Jogi etwas zerknittert am Waldsee stand und mir mitteilte, daß Nandico noch in der Nacht wortlos nach Hause gefahren war, wohl auch ohne ihm eine Erklärung abzugeben.

Oder wollte Jogi mich vielleicht nur schonen? -- Denn jetzt hieß es, nicht lange lamentieren und allem zackig: Programm neu konzipieren, Horn Features raus, Ersatzzeug rein, neue Arrangements, andere Soloverteilung .......aber irgendwie war das gar nicht so schlimm, wir hatten ja schon zwei Tage gespielt und hatten schier endlos viel Material. Stattdessen gab es dann halt noch mehr Getrommel und das habe ich in allerbester Erinnerung, denn Jörgs und mein Stil haben sich wirklich gut ergänzt....

Ich habe nie herausgefunden, ob Nandico sich nicht genügend gewürdigt gefühlt hat, oder ob er von der Probeweise schockiert war, das Konzert unsäglich fand, oder sich vielleicht auch selbst überfordert, oder am falschen Platz gesehen hat. Allen Erklärungen gemeinsam ist wohl, daß es auf einen Fremden sehr krass gewirkt haben muß, was wir da in recht hoher Konzentration fabrizierten. Nicht ganz rosig, aber deutlich - diese Episode.....

 

 

 

 

 

 

 

28.5.1995: MKD LBO bei der Kulturflut in Offenburg

 

Jan Fitschen, b, stick; Christine Engel, vib, perc; Florian Enderle, git; Florian Städtler, git, voc

Noch eine der vielen MKD Besetzungen, und da sind ja hier gar nicht alle repräsentiert. Alex Paeffgen hatte uns verlassen: Er fand es nervig, mit einem Pärchen zu spielen (ich war damals mit Christine liiert). Das ist mir später ja noch mal ganz massiv widerfahren, damals fand ich es etwas übertrieben von ihm. Im Nachhinein muß ich aber auch zugeben, dieses "Pärchen in Band" Phänomen hat schon etwas Sprengstoff in sich. Da könnte man schon mal einen eigenen Artikel drüber schreiben....

Zurück zum Konzert: Im Pronzip stand das sogar unter einem guten Stern, denn es war einer der extrem seltenen Fälle, in denen ich einen Job per Demo Cassette (sic!) ergatterte, ohne die Veranstalter zu kennen, auch ohne jegliche indirekte Beziehung. - Und die hier hatten mir sogar eine kleine Gage garantiert. Die Kulturflut war ein Festival im Offenburger Wasserwerk und so war auch der Spielort höchst spannend: Wir verbauten uns auf mehreren Ebenen zwischen einem Wirrwarr aus Kesseln, Pumpen und Maschinen, das Publikum über uns auf einer rundlaufenden Ballustrade. Soundtechnisch natürlich nicht ideal, auch der Sichtkontakt untereinander war stark eingeschränkt, aber das bizarre Ambiente, der schräge Aufbau war schon genau nach meinem Geschmack. In früheren Konzerten hatte ich immer versucht, auch ein paar optische Schmankerl vorzubereiten -- hier war das überflüssig, auch nach einer halben Stunde gab es für die Zuschauer immer noch was zu entdecken, weil kaum auszumachen war, was Instrument, was Werksinventar war.

Die Veranstalter waren weder vor noch hinterher unfreundlich, das Publikum war nicht überschwänglich, aber gewogen, wir spielten nicht superb, aber katastrophenfrei -- in allen Belangen hatte ich mit meiner kleinen Kapelle schon wesentlich ärgeres erlebt, und doch - bei mir wollte der spielerische Funke nicht recht überspringen. Schon während des Spielens gingen mir die Gedanken durch den Kopf: Wozu das ganze? Der Zeitaufwand, das Geld (ich zahlte zu der Zeit meiner Combo eine fixe Summe pro Konzert aus, die ich beileibe nicht immer reinbekam), nicht zu unterschätzen: das künstlerische Risiko! Man mag es vielleicht gar nicht glauben, wie sehr einem so eine eigene Band im Karrierewege stehen kann, vor allem wenn sie sich etwas exaltiert gibt.... aber das ist erneut ein Kapitel für  sich ---- vielleicht hatte ich aber auch einfach nur das Programm zu leicht arrangiert, denn bei früheren Konzerten hätte ich für derlei Gedanken gar keine Kapazitäten gehabt.

Kurzum, das Konzert war vorbei, ich packte zusammen, fuhr nach Hause und sagte im Auto zu Christine: "Das war´s." Am nächsten Tag informierte ich die Kollegen ohne großes Bohei, man fand es allenthalben "schade" (gerade diese Äußerung bestärkte mich ungemein in meiner Entscheidung!) und vorbei war es mit meiner Band. Eine eigene Band habe ich sehr viel später nochmal für kurze Zeit gehabt, meine eigenen Stücke seither nicht mehr angerührt....

Mitten in diesem traumhaften Wasserwerkambiente hatte ich auf einmal so eien muffigen Geruch von Mittelmaß in der Nase. "Wir können ja noch nicht mal mehr scheitern!" war einer dieser Gedanken beim Spielen......andere werden mit so Sätzen brühmt....  ;-)

 

 

 

 

28.6.1996: Van Morrison Night im Zirkuszelt

Jan Fitschen, git; Florian Galow, b; Wolfgang Schmitz, perc; Alex Paeffgen, p; Karin Schulz, voc; Moni Kopfmann, voc; Holger Rohn, sax; Ralph Baumann, sax; Dieter Gutfried, sax; Norbert Kuner, tp; Hanjo Gießler, tb; Matthias Müller, voc; Cecile Verny, voc; Sascha Hess, voc; Rainer Lenz, voc; Shane Brady, voc; Rainer Trendlenburg, git, voc; Jo Fischer, voc; Bertrand Gröger, voc

 

"When the Lord closes a door, he opens a little window" ist eine haften gebliebene Textzeile aus einem Lied, dessen Titel ich vergessen habe. Nun, in 1996, schien das Fenster auf einmal recht groß zu sein. Die Beerdigung meiner eigenen Kapelle hatte zum einen Energie freigesetzt, zum andern wohl auch Druck aufgebaut, "jetzt etwas zu machen", also nicht nur Wunden zu lecken und die gefühlte Niederlage zu bejammern.

Meinen Kontakt zum Zeltmusikfestival hatte ich im Jahr zuvor bekommen, als ich mit Shane Brady (mit dem spielte ich schon seit knapp zwei Jahren) im Rahmen so einer bunten Freiburg Band Nacht im großen Zelt auftrat. Da waren wir eine von vielen Bands gewesen -- ok, Brady war da schon eine Größe in der Freiburger Popszene, aber insbesondere ich war ein "Newbie" in sowohl der Pop- als auch der amtlichen ZMF-Welt. Nichtsdestotrotz war ich auf den Mitorganisator Stefan Schönfeld getroffen, und es hatte wohl -um es mit den Worten Klaus Lages auszudrücken- "Zoom gemacht". Schönfeld ließ sich noch im Herbst auf meinen Vorschlag ein, ebenfalls im großen Zelt einen kompletten Van Morrison Abend mit dem "who is who" der Freiburg Pop-, Rock- und Jazz-Sänger unter meiner Regie zu veranstalten. Ich glaube, er wußte sogar, daß diese Sache die Dimensionen meiner bisherigen Projekte bei weitem überstieg, aber irgendwie traute er es mir wohl zu. (Es hatte ja "Zoom gemacht".) In Folge ließ er mich einfach machen, redete überhaupt nicht in das Konzept rein, war aber immer zur Stelle, wenn ich nicht weiter wußte, oder auch nur einen Kummerkasten brauchte....und Kummer bringt so etwas mit sich! --- Im Rahmen meiner glücklichen Begegnungen eine der ganz besonderen, aber von dem Mann ist ja nicht grundlos verschiedentlich die Rede auf dieser Webseite.

Die persönlichste Note unserer Beziehung, in diesem Falle könnte man auch von einer Depesche sprechen, ergab sich dann beim Konzert selbst; nach den mehrmonatigen Vorbereitungen ging es endlich los, das Zelt war mit ca. 1100 Besuchern immerhin halb voll, und nachdem wir die ersten 20 Minuten hinter uns gebracht hatten, sehe ich plötzlich rechts neben meinem Drumset Stefan auf dem Boden in meine Richtung robben und eine Zettel unterhalb meiner Standtoms platzieren. (Militärisch übrigens so perfekt, daß von dieser Aktion auf dem Video trotz dreier Kameraperspektiven nichts zu sehen ist!) -- Oh weh!, denke ich, beuge mich zur Seite und lese: "Läuft super!"

Diesen Zettel habe ich immer noch. Und schon einige Male hätte ich ihn gerne kopiert und das Papier einem Veranstalter in den Rachen gesteckt.....einem jener Veranstalter, die denken, sie würden etwas "zusammen mit einem Musiker" machen.

Zum eigentlichen Konzert schreibe ich vielleicht später noch etwas, aber es ist wirklich verdammt schwierig, hier eine Auswahl zu treffen. Womöglich wäre das auch der Anlaß, mal ein ganzes Buch über genau solche 90 Minuten und all die Gefühlszustände zu schreiben, die man so durchlebt....

 

 

 

 

 

 

 

 4./5.1.1997: Ursonate im Ewerk

Harald Kimmig, vio; Christine Engel, vibes; Norbert Kuhner, tp; Roland Borgards, sax; Lu Hübsch, tuba; Gabi Toussaint, sax; Heinzl Spagl, voc;

 

Ich treffe bis heute (2016) ab und zu einen liebenswerten Trunkenbold in der Kneipe, der mir erzählt: "Weisch, Schroeder, die Ursonate war´s beschte, was ihr überhaupt gmacht habt!" Ich weiß dann zwar nicht so genau, wer "Ihr" ist, nehme aber an, er meint mich; ich bin dann gerührt und will es ihm auch auf keinen Fall nehmen, wiewohl ich selbst mit Superlativen doch eher vorsichtiger umgehe. Für mich allerdings definitiv Augen öffnend, diese Sprechkonzert Aktion.

Harald hatte bereits im Jahr zuvor zu diesem Projekt eingeladen und ich war rechtschaffen stolz, überhaupt gefragt zu werden: Ich hatte schon die ein oder andere kleine Sache im Bereich experimenteller "Musik- und Sprachverwurstung" mitgemacht, war auch schon mehr oder weniger festes Mitglied im "Forkestra", der amtlichen "Free Jazz - Big Band" am Ort, letztlich aber immer im Schlagschatten der "heavy guys" der Freiburger Improvisier - Szene, deren unangefochtener König Harald war (und ist!).

Der hatte aber nun ein (für seine Verhältnisse) weitgehend komponiertes Ei gelegt und brauchte trotz umfangreicher Impro - Passagen dafür einen Trommler, der auch recht flott "time" spielen konnte. Das verschaffte mir wohl einen evolutionären Vorteil und so kam ich zum ersten Mal in so einen Zusammenhang, zumindest einen der größeren, aufwendigeren Art. Also: Sprache und Musik, meine ich. Dazu noch mit Sprecher und Darsteller Heinzl, mit dem mich seither sowohl Freundschaft, als auch zahlreiche weitere Projekte verbinden. (Bishin zur Aufführung der Ursonate als Duo!)

Die "Sonate in Urlauten" (für die, die sie nicht kennen) ist eine in unserer Version 70 minütige Sprachkomposition von Kurt Schwitters, in der nicht ein einziges, semantisch faßbares Wort vorkommt. Dennoch entwickelt sich so etwas wie eine Geschichte, die der Zuhörer sich selbst erspinnt. Auf die Tatsache, daß Schwitters sich streng an eine Sonatenform hält, habe ich schon damals keinen Wert gelegt.....mehr aber auf die spektakuläre Abfolge von Wiederholungen, Entwicklungen und gänzlich neuen Motiven. Dazu dann Haralds Komposition, die konterkariert, illustriert, dann wieder eigene Wege geht, mal atmosphärisch wirkt, dann wieder den Text als rhythmische Grundlage nimmt.... hier habe ich so viele Dinge mitgenommen für meine späteren Eskapaden mit Sprechern.

Damals war ich aber auch noch "anders drauf": Wenn es ums Improvisieren ging, war ich stolz dabei zu sein, hielt mich quasi für geadelt, aber in den komponierten "auf den Punkt"-Passagen hielt ich das alles für etwas stümperhaft aus meiner zappaistischen Perspektive, in der alles auch noch so komplexe gefälligst präzise zu sein hatte. (Hier hat sich mein Horizont erst durch die Beschäftigung mit Sun Ra wesentlich später erweitert.) Zum Glück habe ich mir diese Arroganz eines 32 jährigen Naseweiß wohl nicht anmerken lassen, denn ich durfte noch alle weiteren Aufführungen mitmachen.

Viele waren das dann leider nicht mehr - die rechtliche Frage des Textes stand immer wie ein Damokles Schwert über allem. Erst jetzt sind gerade die Aufführungsrechte frei geworden, und so waren wir einfach zu früh.

Wir hätten also eigentlich für unsere durchschnittlich von 80 Personen besuchten Aufführungen die Erben von Kurt Schwitters durchfüttern müssen; und das wurde dann langfristig wohl zu heiß. Die Sache versandete. Eine von etwa sechshundertdreiundfünfzig Situationen in meinem Leben, echten Haß auf unsere gesetzliche Handhabe in Bezug auf Urheberrecht zu bekommen.

 

 

 

 

 

9.7.1998: Carla Cook im Zirkuszelt 

Tilman Günther, p; Jean Luc Miotti, b; Holger Rohn, sax; Carla Cook, voc

 

Zum dritten Mal Zirkuszelt, ZMF. Nach wie vor einer der zu der Zeit imposantesten Aufführungsorte, deswegen natürlich gut in dieser Liste repräsentiert. Diesmal mit der amerikanischen Jazzsängerin Carla Cook. Die war als resident guest zum Festival geladen und wir als ihre Begleitcombo (auch für eine kleine anschliessende Tour). So richtig weltbekannt war sie nicht, die Carla, und ist es auch danach nicht geworden, aber in Freiburg hatte sie immerhin schon mal eine Gast Dozentenstelle an der (fragwürdigen) Jazz und Rock Schule, war also nicht ganz unbekannt. So waren wir auch dementsprechend die mittlere Band dieses "triple bill", bestehend aus Veda Hille, eben Carla und  -- Holly Cole.

Mit Tilman und Jean Luc spielte ich schon seit einiger Zeit einmal im Monat bei der Reihe "Jazz ohne Stress" im Waldsee mit immer wechselnden Gastmusikern, waren also recht gut eingespielt. Das war auch dringend nötig, denn Carla war schon sehr "amerikanisch", sehr auf den Punkt...sah sich nun aber auch einer nicht ganz so amerikanischen, dafür aber recht kompakten Rhythmusgruppe gegenüber und entwickelte Spaß dabei. Im Gegenzug hatte wohl Tilman, ansonsten gerne mal kritisch reserviert, auch seine Freude, denn die Frau ließ wirklich keine Fragen offen, dirigierte durch das ganze Konzert mit dem ganzen Spektrum von gesungenen Bandmember - Vorstellung bis zum 1-6-2-5 Vamp für Auf- und Abtritt. Dahingegen wiederum ließ Carla uns völlige Freiheit in unseren Soli, sobald sie mit ihren Gesangsparts fertig war; auch nahm sie widerspruchslos, sogar schmunzelnd Tilmans reharmonisierte Akkorde zu "Heart Of Gold" hin, wiewohl sie wahrscheinlich eher eine "Las Vegas" Version beabsichtigt hatte. (Wäre ich übrigens Sänger und würde Tillys Chords hören, würde ich ihm Geld geben, nur um sie selbst zu benutzen - auch als "Folkie"!)

So verlief also dieser Auftritt wirklich rund, trotz gehöriger Aufregung, die für mich damals in so einer Situation unausweichlich war. Deutlich gedämpft allerdings durch Carla selbst, die -wiewohl wir uns gerade drei Tage kannten- mit solch einer Selbstverständlichkeit zu Werke ging, daß wir uns wie eine echte "Band" vorkamen.

Ich erinnere eine wirklich schöne Version von "The Island", ein Standard von Ivan Lins, den ich bis dahin noch gar nicht kannte....aber genauere Konzerterinnerungen sind bei mir von den "after show" Begebenheiten überlagert: Nach unserem Set nahmen wir natürlich zunächst feierlich Getränke ein, bewegten uns dann aber vom Backstage raus ins Zelt, um Holly Cole zu sehen. Die war ja gerade mit ihrem Cover von "I Can See Clearly Now" (via Autowerbung) in den Pop Olymp geschossen, hatte aber -für mich viel interessanter- kurz zuvor auch ihr wirklich gutes Tom Waits Cover Album herausgebracht. Davon gab es nun einiges zu hören, in hervorragend spartanischer Besetzung mit lediglich Klavier, Kontrabaß und Schlagzeug. Ob ich nun wirklich beseelt war, weiß ich nicht mehr - das ist für mich auch schwer herzustellen in so einem großen Zelt, aber toll war es alle Male. 

Und dann ist sie auch fertig, und dann sind wir alle in diesem backstage Bereich, in dem zwar jeder seine eigene Garderobe hat, sich aber nach kurzer Zeit, so wie auf einer guten Fete alle über kurz oder lang in der Küche sitzen, hier eben alle in einem Raum zum Trinken einfinden. Da zieht es mich eigentlich zu Aaron Davis, diesem genialen Klavierspieler von Holly Cole, der diese ganze Tom Waits Platte auch arrangiert hat.......aber -- Madame Cole ist schon sehr raumgreifend. Durchaus positiv alles und alle lobend (mit Ausnahme ihrer eigenen Band!), reißt sie das ganze Geschehen deutlich an sich, und ein Gespräch ist nur in den kurzen Phasen möglich, in denen sie sich um ein neues Getränk für sich kümmern muß. Das ist immer nur kurz, aber dafür häufig. Kurz darauf sitzt sie auf meinem Schoß. 

Dieser Zustand hält gut fünf Minuten an und übersteht sogar den Moment, als Katharina in den Raum kommt, ebenfalls Sängerin, meine Ex-Freundin, erst seit kurzem getrennt, aber wohl mit Wiedervereinigungsgedanken..... bad timing! (Es gab dann zwar eine Wiedervereinigung, durch diesen Vorfall aber deutlich verzögert, zumal sie bis dahin Holly Cole Fan war.)

Zurück zu Holly. Die Episode mit Katharina hat sie gar nicht mitbekommen, denn diese verließ das Geschehen ja wortlos und schnurstracks; Holly redet auf mich ein und ich vermute Komplimente für oder in Bezug auf was auch immer, sie ist einfach sternhagelvoll. -- Ey, ich habe ein paar Platten von ihr, die ich toll finde, ich habe sie zum ersten Mal live gesehen, fand ihre Bühnenpräsenz super -- finde auch ganz schick, die Diva auf meinem Schoß zu haben, ...aber jetzt macht SIE mir Komlimente.... das ist bizarr. Und wenig sexy.

Irgendwie klappt´s nicht für sie, also nimmt sie die Abkürzung: Ob ich mit ins Hotel komme? -- "Zu spät", sage ich; bin mir nicht sicher, ob sie es richtig versteht -- spielt aber auch keine Rolle. Sie steht auf und würdigt mich keines Blickes, geschweige denn Wortes mehr. 

Folgende Erkenntnisse ziehe ich für mich und meine zukünftige Handlungsstruktur:

1) Sexuelle Anbahnung gegenüber Fremden in direkter Form nur diesseits der 1,1 Promille Grenze.

2) Komplimente nur begründet, glaubhaft und wenn unbedingt notwendig.

Abschliesßend muß ich im musikalischen, also wichtigeren, noch sagen: Einerseits schade, daß der Kontakt zu Carla kurz danach auch komplett abgerissen ist; dann aber wiederum: Ich habe damals die eigentliche musikalische Gewinnerin des Abends, nämlich Veda Hille, gar nicht genug zu schätzen gewußt! Die war damals schon so echt abgedreht, das konnte ich noch gar nicht richtig verpacken..... Ich hoffe, daß die mir noch mal über den Weg läuft. Am aller meisten.

Das war jetzt ein fast charmssches Ende des Artikels.

  

 

 

9.2.1999: Harald Kimmig im Waldsee (JoS)

Harald Kimmig, vio

Erwähnte ich JoS (Jazz ohne Stress)? - Ja, tat ich schon mal. Das ist auf jeden Fall, die dienstägige Reihe im Waldsee, die ich 1991 mit Achim in einem sehr "inspirierten" Moment nachts um halb vier ins Leben rief. Dort sollten neben den amtlichen Konzerten im Waldsee auch Sachen ausprobiert werden können, sei es als (damals verbreitet) Jazz Session, oder auch Bühne für musikalische Prototypen und "ich wollte immer schon mal" - Programme. 

Jazz ohne Stress gibt es immer noch an jenem Ort, reguläre Konzerte hingegen kaum noch, und so ist der Dienstag mittlerweile auch vollständig von dem eingenommen, was damals "amtliche" Konzerte waren. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich diese Tendenz hätte aufhalten können, wenn ich noch der "spiritus rector" dieser Reihe geblieben wäre; womöglich ist das auch einfach ein Spiegel der Zeit. Und vielleicht bin ich sogar Mit-Wegbereiter dieser Entwicklung, daß nun Gruppen mit elaboriertem Programm an diesen "Eintritt frei"-Orten spielen, aber dafür lasse ich mich gerne auf einem anderen Forum steinigen.......

Damals auf jeden Fall eine Spielwiese; so auch die Möglichkeit, mich mit dem "heavy duty"-Improvisator Harald Kimmig (siehe vorangegangene Artikel) zuzweit zum Improvisieren zu treffen. Leider habe ich keine Aufnahme von dem Abend, auch meine Erinnerung an musikalische Details ist gering, denn allzuviel schwang da mit, manchmal ist es eben nicht einfsch nur Musik: Harald stand dieser Dienstags Reihe (aus oben angedeuteten Gründen) eher skeptisch gegenüber, wollte sich aber auch nicht lumpen lassen -- ich war in der Improvisierer Szene zwar schon vom "prospect" (wie es bei den Hell´s Angels heißen würde) zum angeschlossenen Mitglied (wie es bei der GEMA heißen würde) aufgestiegen, forderte aber nun den Champion heraus -- dem war immerhin das Waldsee als Spielort vertraut und lieb, denn das war damals auch DER Spielort für Free Jazzer, aber natürlich in bezahlten Konzerten; immerhin ließ sich so vielleicht ein anderes Publikum gewinnen -- dann wieder ich als Leiter der Reihe, der die Speerspitze der unbegrenzten Möglichkeiten sein wollte.......und - alles überlagernd: mein Set, das so überhaupt nicht angemessen war.

(Jetzt kommt ein Abschnitt, der für Nicht Trommler vielleicht etwas kryptisch ist.)

Ich erwähnte an anderer Stelle schon, daß ich mir eigentlich aus tollen, teuren Trommeln nichts mache. Bis heute spiele ich überwiegend auf Gerätschaften, die die meisten Kollegen nicht einmal als "Schlagzeug" bezeichnen würden, verkehre zum Instrumentenerwerb lieber auf Schrottplätzen und 1 Euro shops als in Musikgeschäften....aber...ich habe auch ein paar Schätzchen. Und das Flagschiff hatte ich zwei Jahre zuvor in einem mauscheligen Handel mit der Firma Sonor erworben: Ein Signature in bestem Zustand, zudem mit einer super-duper-Sonderlackierung, heute für mich ein echter Trost, wenn ich meine Rentenhochrechnung bekomme..... Gut. Für den Abend aber relevanter - der Umfang: Ein Set mit 14 Trommeln, 22 Becken, zuzüglich Gong und verschiedenen sogenannten "mounted percussions". Eine 360 gradige Rundumversorgung.

Dieses Schlachtschiff schleppte ich also nachmittags aus dem Waldsee-Keller (dort war damals mein Proberaum), und obwohl ich es demzufolge nicht einmal ganz zerlegen mußte, dauerte der Aufbau gut 90 Minuten....  ;-)

Dann kam Harald, sah, und spielte....

Mit der öseligen Geige und einem mickerigen Kofferverstärker. Ich fürchte, ich war viel zu sehr mit meinem "Biest" beschäftigt, als daß ich ein toller Duo Partner hätte sein können, aber allein der Anblick "David gegen Goliath", dann der Sound der einsamen Geige gegen dieses deutlich auf "Progpowerrock" gestimmte Schlagzeug, das muß dem Ereignis eine Bedeutung gegeben haben, die wir beide nachfolgend musikalisch sicher regelmäßig übertroffen haben, aber eben nicht diese Krassheit. 

Zur Wiedergutmachung habe ich mit Harald seither wiederholt auf kleinstmöglichen Schlagzeugen gespielt. ;-)

Das Schlachtschiff war danach noch Jahre in meinem Proberaum aufgebaut, aber live habe ich es nur genau dieses eine einzige Mal benutzt. Jetzt steht es in meinem Wohnzimmer als reines Ausstellungsstück. Und meine Frau ist sauer.

 

 

 

 

 

 

 

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