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Soeben ist sie zu Ende gegangen, die größte, tollste, sensationelle, viel gefeierte Freiburger Kulturbörse.

Und doch trägt sie den Widerspruch schon im Namen....

 

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Ich habe ja seit langem Schwierigkeiten mit der "Börse" (wie sie kurz in der Szene heißt), genau genommen wohl seit dem Umzug vom beschaulichen Bürgerhaus im Seepark in die Messe Freiburg: Betrete ich diese Hallen, befällt mich ein Unwohlsein; ich kann mich urplötzlich nicht mehr normal mit jemandem unterhalten.

Fragt mich irgendwer ganz einfach, wie es mir geht, rattert es in mir: Was muß ich sagen, damit es einen guten Eindruck macht.....   Wohlgemerkt: Ich bin auf dieser Messe gar nicht Aussteller, trete auch mit niemandem auf und bin nicht einmal im eigentlichen Sinne Messe Besucher, bestenfalls Besucher von Freunden, die auf der Messe sind. 

Irgendwas ist hier grundsätzlich falsch, aber anstatt nun über die kleinen, verzweifelt sich anbiedernden Kapellen und Solokünstler herzufallen, anstatt mich über die ach so weltgewandten großen Agenturstände (oder sind es Mißstände?) zu mokieren, will ich lediglich einmal auf den Titel dieses ganzen Hokuspokus schauen:

Hinten angefangen -- die Börse.

Ist -hier wird es wohl keine verschiedenen Meinungen geben- ein Handelsplatz, an dem Ware oder Dienstleistung nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage verkauft wird. Große Nachfrage - höherer Preis. Selbst das Sonderangebot im Mediamarkt (obwohl das eigentlich nicht mehr unter den Begriff "Börse" fällt) widerspricht diesem System nicht völlig, denn es versucht ja nur über den billigeren Preis die Nachfrage künstlich zu erhöhen. Betrachtet man die Ware als das Produkt von Dienstleistung, nämlich des Herstellers, wird für den der Verdienst durch den Mengenabsatz ja größer. Kurzum: Es geht in jedem Fall um möglichst große Nachfrage. konkret: möglichst viele Käufer. Weiß jedes Kind. Das kriegen wir in einer Marktwirtschaft so eingeimpft.

Schon schwieriger - die Definition des Kulturbegriffs.

Denken wir an unsere Eßkultur, an die Wohnkultur, die Streitkultur und die Kulturlandschaft, usw. das alles zusammengenommen führt zu einem sehr elementaren Kulturbegriff, der letztlich alles ist, was nicht der puren Selbst- und Arterhaltung dient. Genau das sei ja auch der Unterschied zum Tier, und für den Anthropologen ist das wohl auch eine wichtige Definition. Für uns ist sie aber in dieser Allgemeinheit kaum brauchbar, und so verwendet sie ja auch kaum jemand. Wir alle haben ganz selbstverständlich einen viel engeren Kultur-Begriff, wenden ihn allerdings nach Bedarf auf ganz unterschiedliche Bereiche an (s.o.).

Im Falle der "Börse" geht es nun um Kleinkunst und Musik. Was genau hier "Kultur" zu nennen ist, könnte sicher ein Taschenbuch füllen, aber ich möchte mal einen ersten Satz für so eine Definition vorlegen: Der Kultur im engeren Sinne liegt (zumindest überwiegend) eine individuelle Ästhetik zu Grunde. --- D.h., im puristischen Fall möchte eine künstlerische Idee (Komposition, Text, Szene, etc.) vom Künstler ausgeformt werden, ohne daß - oder zumindest lange bevor irgendjemand darüber nachdenkt, wie dieses Produkt ein (möglichst großes) Publikum erreichen kann.

Natürlich muß auch dieser (im engeren Sinne) Künstler von irgendetwas leben, vielleicht ist er auch ursprünglich aus gar nicht sooo künstlerischen Motiven Künstler geworden (die wenigsten Rockmusiker haben wohl in jungen Jahren in erster Linie auf das Künstlertum des Musikers geschielt...), es mögen sich da immer sehr viele Dinge vermischen, entscheidend für mich bei der Definition ist aber, daß eben nicht an erster Stelle die Einschätzung des potentiellen Publikums steht, wie es für eine gute Galaband, einen Konsalik Roman oder auch weiteste Teile der (deswegen ja auch "radiotauglichen"!) Popmusik und vieles andere gilt.

Das ist übrigens überhaupt keine Wertung! Der Kultur- gleichwie Kunstbegriff ist nur deswegen so schwammig, weil unbedingt alle daran teilhaben wollen. Das liegt wiederum daran, daß diejenigen, die sich selbst für wahre, also im engeren Sinne Kulturschaffende halten, ihr Terrain nun sehr elitär präsentieren und gegen "Minderwertige" verteidigen. Dabei schaue ich z.B. sehr viel lieber eine gute Galaband an, als eine mäßige, aber ungemein individuell-ästhetisch motivierte Afrobeat-Latin-World-music Band.

Die Begriffe Kultur, ebenso wie Kunst sind für mich also keineswegs das nonplusultra, ABER sie sind auch nicht sinnvoller Gegenstand einer Börse, denn sie sind eben nicht an der Menge (des Publikums), der Nachfrage ausgerichtet. Ich gebe zu, die Titel sind nicht so ganz griffig, aber vielleicht sollte Holger (Thiemann) einfach um der Aufrichtigkeit willen über eine Umbenennung in "Unterhaltungsbörse" oder "Börse für akustisches Kunsthandwerk" nachdenken. "Kultur" und "Börse" sind auf jeden Fall eine contradictio in adiecto! Allerdings dürfte eine solche Umbenennung wohl auch die Besucherzahl dezimieren, zumindest um den Anteil "Kulturattachéen", die von irgendwelchen kulturellen Zentren für tausende von Euro (auf Gemeindekosten) mit einem Einkaufstäschchen entsandt werden, um dann vor Ort profunde Informationsgespräche zu führen wie etwa in diesem Jahr geschehen am Stand der Leipziger Kollegen: "Ach ja, "Spanish Mode" heißen sie, sie treten also in Originalkostümen auf?"

Nun denn, Fremdsprachkultur ist auch nicht eines jeden Kulturarbeiters Sache, aber das ist ja auch wieder Kultur im allgemeinen Sinne (s.o.).

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