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Mein Gott!!!  35 Jahre sind das nun schon....also seit 35 Jahren stehe ich regelmäßig auf der Bühne, anfangs natürlich erst mal selten, seit 25 Jahren mit an die 150 Konzerten im Jahr. 

Da will ich mal versuchen, pro Jahr ein Highlight-Konzert zu finden und zu beschreiben, so gut es die Erinnerung zuläßt. Hier die 10er (manchmal gibt es Bezüge auf das beschriebene Geschehen in den 00ern) :

 

 

 

 

 

 

März 2010: Fragmente, Leipzig

 

Einmal mehr das Hohelied auf Stefan Schönfeld; einmal mehr beginnend mit den "Palazzo shows":

Schönfeld hatte nun seit zwei Jahren selbst den Regieplatz in dem von ihm produzierten Palazzo übernommen, und so ergab sich, daß Marcus Jeroch, ein regelmäßiger Gast / Akteur dieser Shows ihn fragte, ob er nicht die Regie für eine Show in Leipzig übernehmen wollte, die ihm angetragen worden sei. Die Besonderheit für Stefan lag auf der Hand: Erstmalig eine ensuite Show nicht in Freiburg, vor allem aber: Eine reine Variete Show, ohne das lästige Menue Gefresse, das eine packende Show Dramaturgie a priori verhindert.

Die Voraussetzungen waren dennoch kompliziert: Da gab es den Krystallpalast, also die Direktion, dann den hausinternen künslerischen Leiter, Marcus, der ja eigentlich Initiator dieses Programmes war und nun Stefan als Regisseur, aber auch zuständig für die Beschaffung von Artisten.

Um es vorweg zu nehemen: Das hat insgesamt richtig gut funktioniert, obwohl wir fast alles anders gemacht haben, als die "Krystaller" es gewohnt waren. Das fing mit der Besetzung an: Oberste Maxime für Schönfeld war nicht, den spektakulärsten Artisten zu bekommen, sondern sympathische Kollegen mit hoher Teamfähigkeit. Ich selbst war seit einiger Zeit auch mehr und mehr dazu übergegangen, für meine Projekte nicht notwendigerweise die besten, sondern die am besten passenden Musiker zu suchen. Das ist gar kein so kleiner Schritt, wenn man mit Jazzrock und Zappa sozialisiert ist. Welch eine Bestätigung, welch eine Möglichkeit zu schauen, zu studieren, wenn nun jemand nach genau diesen Maximen vorgeht, nur eben auf viel größerer, will auch sagen: viel verantwortungsvollerer Ebene!

Andere Unverfrohrenheiten waren: Eine Show ohne Conference, nicht ein Mal wurde das Publikum persönlich angesprochen; während des Einlasses machten sich die Artisten auf offener Bühne im Trainingsanzug warm, während ich (ebenfalls auf der Bühne) dazu Plattenspieler spielte und musikerstandesgemäß Bier trank. Während der Show war mein Platz dann auch auf der Bühne: Ich war mit meinem Schlagzeug der einzige Musiker, lediglich zweimal ergänzt durch Jongleur Roman, der zu dem Zeitpunkt gerade seit zwei Monaten Gitarre spielte.

Gerade meine Teilnahme war gar nicht so leicht durchzusetzen, denn im Vorfeld fragte der künstlerische Leiter (Urs) immer wieder nach, was denn dieser avisierte Trommler da eigentlich sollte und ob der überhaupt eine echte "Leistungsnummer" hätte. Dieser Begriff ist dann fester Bestandteil des schönfeld- / schroederschen "in talk" geworden, und niemand im Umkreis kann diesen Begriff benutzen ohne ein breites Grinsen auf den Lippen. Ein anderes mittlerweile geflügeltes Wort schenkte Urs uns während der Proben: Als sich ihm Schritt für Schritt eine Showdramaturgie offenbarte, die er schon irgendwie geil fand, aber auch gar nicht so recht in den Krystallpalast passen wollte, mahnte er wiederholt: "Freunde, ihr müßt auch an meine Friseusen im Publikum denken!" 

Nun, die show selbst will ich hier nicht beschreiben, zu ausufernd wäre das ganze, und wahrscheinlich findet sich im Internet auch noch die frenetisch feiernde Kritik. Ich habe in der Zeit auf jeden Fall die Stadt Leipzig lieben gelernt, und für Schönfeld war das ein Markstein auf dem Weg zu seiner jetztigen Position als Produzent / Regisseur für wirklich krasse shows. Gut die Hälfte der damaligen Besetzung gehört auch heute noch zur "Familie"!

Was für ein Start ins neue Jahrzehnt!

 

 

 

 

 

 

 

3.3.2011: Matto Kämpf, Krimi im Vorderhaus

Sascha Bendiks, acc, voc; Jan Fitschen, b; Dirk Wochner, key

 

Manchmal frage ich mich, ob ich einen genetischen Defekt habe, oder ein Enzym in mir trage, das Hemmschwellen herabsetzt, wenn es darum geht, Fremde nach Kollaboration zu fragen. Klar, rethorische Frage -- tatsächlich erscheinen mir einfach viele Kollegen lahm und phantasielos, aber nun will ich mich nicht gleich wieder in die Nesseln setzen, und schließlich profitiere ich ja auch davon, so wie eben im Beispiel Matto Kämpf:

Dieser unglaublich skurrile schweizer Autor war nämlich, protigiert von Jess Jochimsen, schon wiederholt in Freiburg zu Lesungen angetreten, oder mit Jochimsen und Sascha Bendiks auf Lesereisen gewesen. Ich lernte ihn erst kennen, als Sascha zur musikalischen Untermalung eines Lesetrios unser Tom Waits Duoprogramm ins Spiel brachte. An zwei Terminen irgendwo im schwäbischen....  Matto Kämpf las Auszüge aus seinem "Krimi" und noch in der ersten Nacht verschlang ich dieses krude Büchlein, das er mir in Anerkennung meiner Begeisterung seines ersten kurzen Vortrages mit aufs Zimmer gegeben hatte. Am nächsten Tag war für mich klar: Mit dem muß ich was machen, und ich bot ihm an, seinen Krimi komplett zu vertonen. Auch er ist einer dieser lockeren "Ja - Typen", und es war nicht einmal schwierig das Vorderhaus zu einer solchen Veranstaltung zu bewegen, denn Matto war in Freiburg schon ein echter Insider Tipp.

Der Rest ist, wie es in diesem Fall sehr treffend heißt: Geschichte. Matto las das komplette Buch. Es ist sehr dünn, aber Matto ist aus Bern..... Hatte ich es damals im schwäbischen in vielleicht 40 Minuten verschlungen, dauert Mattos Vortrag des gleichen Textes weit über eine Stunde! Flambiert mit Zitaten aus Tatort - und Derrick Melodie, reichlich Bowie, ein Hauch Waits, ein wenig Hippie Musik und viel soundscape... was hier nach einem so einfachen Kochrezept klingt, war in der Kombination mit diesem Text betörend. Dies ist auf jeden Fall einer der seltenen Fälle gewesen, bei denen ich lieber im Publikum als auf der Bühne gesessen hätte!

Leider begann ich in dieser Zeit, musikalisch mit Sascha etwas auseinander zu driften, so kam es lediglich noch zu einer weiteren Aufführung im Basler Theater, spätere Programme (Mattos Tiergeschichten und Kanton Afrika) bespielte ich dann mit anderen Besetzungen, das waren dann auch wirklich lustige Abende, aber die Intensität dieser "Krimi-Umsetzung" haben wir nicht mehr erreicht.....

 

 

 

6.1.2012: Violentango im Konex, Buenos Aires

Hier möchte ich anstelle meiner retrospektiven Erinnerungen den Text einfügen, den ich damals noch in Buenos Aires über dieses Konzertereignis ausspuckte:

 

Das Konzert in Worte zu fassen, fällt mir schwer: Zu sehr voreingenommen, zu begeistert bin ich, ein Teil davon zu sein. Im ersten Teil spielen Violentango alleine, und zumindest eine Zeit lang gelingt es mir, so zu tun, als würde ich einfach nur Zuschauer sein, niemanden zu kennen, nur der Musik zuzuhören: Die Jungs schaffen es tatsächlich, verteilt auf dieser 8 x 16 Meter Bühne ihre intime Intensität zu pruduzieren, wie damals auf der Straße oder im Litfaß! Das Publikum klebt an ihren Fingern, und diese Aufmerksamkeit habe ich bis jetzt (und ich war nun wirklich jeden Abend auf mindestens einem Konzert!) lediglich bei Fernandez Fierro (s.o.) erlebt! Prompt verpasse ich mein abgemachtes Zeichen auf die Bühne zu kommen und muß sprinten, um es gerade noch rechtzeitig zu schaffen und den Betrieb nicht aufzuhalten....

Den folgenden zweiten Teil verbringe ich dann in einem anderen Universum und ich werde abwarten müssen, bis ich den Filmmitschnitt sehe, um mich dazu halbwegs sachlich äußern zu können.

Immerhin passieren mir nach dem Konzert so rührende Dinge, daß ich davon ausgehen kann, wohl auch meinen Teil beigetragen zu haben:

  • Limon, der erwähnte Gastsänger und mein persönlicher Held dieser Reise, mit dem ich mich aber leider praktisch nicht (verbal) verständigen kann, kommt unaufgefordert zu mir, um mir seine CD zu schenken. (Und der braucht mich wahrlich nicht, um etwas für ihn klar zu machen...!)
  • Im Gewirr aller möglichen Komplimente kommt ein Zuschauer und fragt mich (in fast akzentfreiem deutsch), seit wieviel Jahren ich in Buenos Aires lebe und seit wann ich Tango "Synkopation" (wie er es nennt;-) studiert habe.....  
  • und schließlich kommt Juan und grinst: "The duo worked!" -- Etwa fünf Minuten vor dem Konzert kamen die Jungens nämlich zu mir und teilten mir eine kleine Planänderung mit: Vor dem finalen "Libertango" möge ich ein kleines Drumduett mit Santi improvisieren. Mehr sagen sie nicht. Das ist für mich nun nicht weiter schockierend, und ich hatte das ja auch schon in den Freiburger Konzerten einfach mal als Tatsache gesetzt, obwohl es für Santi tatsächlich das erste Mal war, daß er solistisch improvisierend tätig war.... Nach dem Konzert erfahre ich nun aber, daß sie sich wohl wirklich lange dazu durchringen mußten, da soetwas hier vom Publikum auch schnell als Humbug oder fachfremder Firlefanz - im ungünstigsten Falle auch ausgepfiffen wird (und das, obwohl die Violentango die Grenzen des Tango ja schon deutlich dehnen). Das hatten sie mir freundlicherweise vorher verschwiegen, dann aber -von wegen kleines Solo- alle die Bühne verlassen und uns mit vollem Risiko unsere großen gefühlte zehn Minuten gegeben (defacto wohl eher fünf). Nun denn "the duo worked" -- standing ovations! -- ein überglücklicher Santi (und Schroeder), nicht zuletzt, weil es auch einen grandiosen Übergang in Libertango gab.....
  • ....einen dieser Übergänge, die die Jungens ja neuerdings auch zwischen manchen ihrer Stücke arrangiert haben... ;-)  -- so wie es auch beim Konzert nur am Anfang und am Ende eine Ansage gibt, dazwischen aber zum Beispiel einen Gast "narrator", der einen Essay über Piazzola mit einem eigenen Gedicht über Violentango (die Band, nicht das Stück) vorträgt. In der Sanata Bar bei der anschließenden After Show Party werde ich nun jedem Musiker auch als der "Erfinder" dieser Elemente vorgestellt (wie ja schon ganz offiziell für diese "two in one band" Programme, die sie hier seit zwei Jahren ab und zu aufführen).

Das soll für diesen Artikel mal reichen. Wer mehr über das Zustandekommen des Konzertes erfahren will, sei verwiesen an den Artikel "Buenos Aires", ebenfalls in meinen "Nachtgedanken" zu finden.

 

 

 

 

21.4.2012: Schaps im LaGaffe

Andreas Schaps, git, voc

Wenn man all diese Konzertartikel chronologisch liest, könnte man schnell meinen, ich würde andauernd irgendwelche Monstrositäten veranstalten, oder an Riesenhappenings teilnehmen. Der Eindruck kommt natürlich nur daher, das ich lediglich ganz besondere Konzerte beschreibe.... Höchste Zeit also, die Besonderheit im vermeindlich  kleinen zu finden. Und "klein" ist hier ganz räumlich zu verstehen. 

Das LaGaffe gibt es leider nicht mehr, war aber die einzige Live Musik Kneipe in Freiburg, die noch kleiner ist als das Litfass. Bestückt mit drei Tischen fanden hier bei Vollauslastung je nach Bandaufbau maximal 15 Personen Platz. Ich selbst war bis dato seltener Gast gewesen, gespielt hatte ich dort noch nie, denn es ist zwar kaum acht Fußminuten von meinem Haus entfernt, aber eben auf der anderen Seite der Gleise, die sich durch Freiburg ziehen und trotz zahlreicher Brücken und Unterführungen die kleine Szene der Stadt kulturell unerklärlich in zwei Hälften teilt. In meinem Fall gäbe es immerhin noch die Erklärung, daß der Weg zum LaGaffe am Litfass vorbeiführt, welches auf mich als Gewohnheitstier schon stark magnetisch wirkt...

Schaps war als Bewohner der "anderen Seite" dort aber regelmäßig Gast, nur trinkend oder auch ein ums andere Mal spielend. Nun hatte er mich zum Duo gefordert, ich kam gerne, fremdelte aber zu Beginn etwas, denn diese kleine, schnuckelige Atmosphäre war schon deutlich anders als im gewohnten Litfass. In jenem Stadtteil (Stühlinger) ist alles etwas intellektueller, was nicht bedeutet, daß weniger getrunken würde. Beim Intellektuellen nimmt allerdings die Performance auf dem Weg zur Volltrunkenheit einen anderen Verlauf, der mir ab einer bestimmten Phase nicht mehr so gefällt..... -- alles Vorurteile und auch noch gar nicht akut, denn es war ja früh am Abend und wir hatten gerade mal aufgebaut. Trotzdem habe ich da eine merkwürdige Sensorik.

Der Abend entpuppte sich dann aber ganz als das Gegenteil: Ich glaube, das wirklich feine und interessierte Publikum produzierte eine Atmosphäre, in der ich zweifelsfrei das beste Duokonzert mit Schaps überhaupt hingelegt habe.

Dazu ein paar grundsätzliche Gedanken zum langen Schaps: Ich kannte ihn schon seit einiger Zeit und hatte in verschiedenen Konstellationen mit ihm gespielt, gelegentlich mit seiner Band, dann in einigen Tribute nights mit größerer Besetzung und vielen Sängern, ab und zu auch schon zuzweit. Schaps ist eine der wirklich markanten Stimmen in der Freiburger Singersongwriter Szene, wahrscheinlich der beste sich selbst begleitende Gitarrist in der Region, was Vielseitigkeit und Spieltechniken auf Wandergitarre und Banjo angeht, und zu alledem ein profunder Stückeschreiber, dessen output an Quantität der Qualität in nichts nachsteht. So richtig schußfest, was Formen angeht, ist er allerdings nicht, und gerade in den größeren Besetzungen (auch seinen eigenen) vermag er es auch nicht immer, klare Zeichen zu setzen (musikalisch oder optisch), wenn es mal drunter und drüber geht. Insofern war mir die Duosituation mit ihm immer am liebsten, denn da spielt formale Korrektheit nicht so eine große Rolle, dafür um so mehr das aufeinander Hören. Diesbezüglich habe ich ihn auch schon in anderen Duokonstellationen extrem gut erlebt, aber dieser LaGaffe Abend strahlte wirklich wie ein Atomkraftwerk!

Ich mußte schon grinsen, als er mir die Setliste präsentierte: Sein Paradestück "My Wife" gleich zu Beginn und am Ende des Konzerts. Ohne überhaupt darüber zu sprechen, war es selbstverständlich, daß es natürlich zwei ganz verschiedene Versionen werden würden, die den Abend einrahmen und eine große Klammer bilden sollten. Vielleicht hat er das sogar von mir, oder es war durch mich inspiriert, vielleicht hat es ihn einfach so überkommen....egal: Mit so einer kleinen Idee kann man mir schon große Freude machen!

Und wie an einer Perlenkette zogen sich solche Ideen dann unabgesprochen durch das ganze Programm: Dynamische Wechsel, das zeitweise "alleine lassen" des Mitspielers, ohne daß es nach "jetzt kommt das große Solo" aussah. Die Ruhe, mit der er bestimmte Passagen, oder Aktionen wirken ließ, wenn ich mal wieder in der "Quietscheentchen Abteilung" unterwegs war (diesmal aber angemessen); das war ein Singersongwriter Abend, der zugleich auch Duoimprovisation vom feinsten bot. Schaps ging offenbar auch selbst so in der Musik auf, daß er gar nicht versuchte, den Abend mit witzigen Wortspielen zu garnieren, eines seiner Markenzeichen, daß beim solo Auftritt funktionieren mag, sich aber zuvor schon öfter mal mit dem gebissen hatte, was ich auf der Bühne produzieren will...

Mehrere Stücke, darunter sein "Infinite Justice" und eben erwähntes "My Wife" (die Schlußversion) sind definitiv die besten Interpretationen gewesen, die ich je davon gehört, oder mitgespielt habe.

Trotzdem, lieber Schaps, laß uns versuchen, diesen Abend irgendwann nochmal zu toppen....auch wenn´s schwierig wird.

 

 

 

 

31.7.2012: Buckleyritage im Waldsee

Bella Nugent, voc; Andreas Schaps, voc, git; Vika Lukanceva, voc; Rainer Lenz, voc, p; Arpi Ketterl, b; Dirk Wochner, p; Felix Groteloh, git; Konrad Wiemann, perc; Sylvia Oelkrug, vio

 

Da kommt einiges zusammen. Solche Motto-Konzerte habe ich viele gemacht seit dem in dieser Liste aufgeführten Van Morrison Tribute im Zirkuszelt, vorher ja auch schon....aber nie ging es so stressfrei und "gemeinsam" zu, wie bei diesem. 

Jeff Buckley tauchte im Jahre 2002, also viel zu spät, in meinem Leben auf -- übrigens im Rahmen einer der langen Musikhörnächte mit Keneally und Wessman. Das war das letzte Mal, daß mich neue Musik beim ersten Hören einfach komplett weggeblasen hat! -- Wenn, dann richtig! -- Es führte soweit, daß ich bei meinem ersten (und bislang einzigen) New York Besuch alle Plätze aufsuchte, an denen Jeff sich laut Biographie aufgehalten hatte, vornehmlich natürlich das Sin-E, das jetzt ein profaner Deli ist. Mit Erscheinen der "Grace-Deluxe-Edition" stellte sich noch heraus, wie nahe ich ihm gekommen war (ohne es zu wissen), als ich 1992 mit Karl Berger in Miami spielte (siehe Artikel "Don Cherry"), der gerade zuvor im Studio die Streicher für die Platte arrangiert hatte....

Vielleicht auch gut so, denn hätte ich damals, zu Jeff´s Lebzeiten schon von ihm gewußt, hätte ich vermutlich alles aufgegeben, um einmal mit ihm zu spielen... "aber man kann ja dann immer noch einen tollen Tribute Abend machen", so als Fanboy... und genau das hat mich auch lange davon abgehalten. Aber nun ging es nicht mehr anders: Jubiläum hin oder her, ich hatte in den vergangenen Jahren immer mal hie und da ein Buckley Stück irgendwo eingewoben.....nun mußte die volle Dosis her.

Lustigerweise ist die Zusammenstellung der Musiker, respektive Sänger, für ein Jeff Buckley Programm gar nicht so schwer: Wirklich so singen kann in Freiburg ohnehin niemand (außer vielleicht Rainer Lenz, der aber gerade mit originalen Phrasen bewußt sparsam umgeht). Also muß sich ansonsten jeder notgedrungen seinen eigenen Weg durch diese hohe Minne der Rockmusik suchen; das erübrigt detaillierte Anweisungen, schafft Freiheit.

Mitmachen wollen indessen viele, und so ist zur Abwechslung mal die richtige Auswahl gefragt, nicht das Überreden. Und die Auswahl funktionierte, obwohl da ja auch der eine oder die andere waren, die sich bisweilen schon als schwierig gezeigt hatten. Vielleicht war es Buckleys Musik, vielleicht war es auch ich, der in der ganzen Zeit irgendwie entrückt (gleichsam entzückt) erschien, auf jeden Fall schienen alle nur für die Sache, also die Musik, oder zumindest mal das Konzert da zu sein. Die Sänger hingen sich gegenseitig an den Lippen, die Musiker waren ausschließlich damit beschäftigt, diese Songs zum Leben zu erwecken; ich selbst erklärte dem Publikum zu Beginn der Vorstellung, daß dies ein sehr persönlicher, geradezu therapeutischer Abend für mich sei, Zuschauer durchaus nicht störend wären, für mich aber auch keine weitere Rolle spielen würden. Sprach´s, ging zurück zum Schlagzeug und erlebte die folgenden zwei Stunden tatsächlich wie mit Scheuklappen auf der Bühne ohne jeglichen Kontakt nach draußen.

Ich muß dazu erwähnen, daß diese Konzert keinen Eintritt gekostet hat, lediglich auf "Hutbasis" gesammelt wurde, ansonsten hätte sich das nicht mit meiner Vorstellung von "Konzert" vereinbaren lassen. So aber konnte ich mir selbst ein einmaliges Erlebnis schaffen: Das Ignorieren von Publikum zugunsten der Musik.

Im Konzertprogramm möchte ich eigentlich kein Stück besonders herausheben, wiewohl ich natürlich meine Favoriten hatte; aber in Sachen Herzblut waren die vier Sänger allesamt auf gleicher Höhe.....zu berichten bleibt der Schluß: Kangaroo, dieses ewig lange destruktive Riff mit epileptischem, nicht einmal wirklich solistischem Getrommel oben drüber... Im Original ist das ein paar Minuten lang, wir brachten es auf gefühlte zehn -- und doch noch zu kurz. 

Sollte es mich nochmal überkommen, so einen Abend zu machen, dann verspreche ich 15 Minuten Kangaroo Extro!

 

 

 

11.1.2013: Schlagworte in Mühlhausen

Marcus Jeroch, voc

 

Obwohl dieser Auftritt mit über 200 Zuschauern einer der bestbesuchten unserer Duo Karriere war, obgleich unser Programm an jenem Abend "wie am Schnürchen" lief, Zuschauer Reaktionen phantastisch waren, incl. lautstarker Unmutsäußerungen einzelner, die das provozierend überlange Gedicht von den 10 kleinen Dichterlein nicht aushalten konnten.....was ich immer für ein gutes Zeichen hielt -- wiewohl also dieser Auftriit, wenn nicht der beste, dann aber vielleicht der reifste war, ....überkommt mich im Nachhinein eine große Sentimentalität: Zugleich markiert er für mich das Ende einer Aera, auch wenn das damals noch gar nicht so klar war.

Das SchlagWorte Programm hatten Marcus und ich während einer gemeinsamen Palazzo Saison entwickelt, weil uns Martin Wiedemann vom Vorderhaus nach einer Koproduktion für sein Grenzenlos Festival gefragt hatte. Der wußte damals gar nicht, daß wir uns schon seit Jahren aus den Palazzi kannten und sogar schon selbst mit dem Gedanken an Zusammenarbeit gespielt hatten.

Nun hatten wir auf jeden Fall einen konkreten Anlaß, und wie meist zu Beginn so einer Sache sprudelten die Ideen nur so aus uns heraus. Die geforderten 45 Minuten für das Festival waren schnellstens beieinander, und unser Testlauf dafür (woanders, wenn nicht im Litfass?) kam schon locker auf eine Stunde Programm. Grundlage für diesen Kreativitätsschub zu Beginn, aber auch die ungewöhnlich lange Haltbarkeit (immerhin fünf Jahre, was in jener Kleinkunstszene viel ist!) lag im echtem wechselseitigen Interesse: Wir beide hatten das Gefühl mit einem Experten auf seinem Gebiet zu tun zu haben, und so ergab sich ganz selbstverständlich ein gewisser Respekt in den verschiedenen Hoheitsgebieten: Erklärte ich etwas für aus musikalischen Gründen nötig oder unmöglich, war das so gut wie beschlossen, benannte Marcus etwas als Notwendigkeit aus Theater / Bühnensicht, war ich widerspruchslos.

Ich glaube, wir haben beide extrem viel voneinander gelernt in der Zeit, für mich kam noch dazu, daß ich nun fast jedes Kleinkunsttheater in der Republik kennenlernte, völlig neue Jagdgründe. Und es ist genau dieses Schlagworte Programm, in dem ich auch die meisten "Klassiker" meines musikgeschäftfremden Instrumentenspiels entwickelte, das infolge dann auch an allen möglichen anderen Ecken auftaucht, wie z.B. Wasser, Wunderkerzen, Ketten, Hämmer, Verpackungen, etc.

Natürlich war da nicht alles "eitel Sonnenschein": So leicht uns diese erste Stunde Programm gefallen war, so schwer taten wir uns mit den verbleibenden 30 Minuten, die für ein abendfüllendes Programm zu ergänzen sind.

Es dauerte noch weit über ein Jahr, bis wir wirklich zufrieden mit einem runden Programm waren; und in dieser Zeit gab es auch einiges an Kritik einzustecken: Die Kombination mit dem Schlagzeug war für manchen Jeroch Fan ein Schlag ins Gesicht. Marcus war nun schon 20 Jahre solo unterwegs, hatte immer die hohe Schule der Sprachverdrehung gezeigt, hatte sich mit den feinsinnigen Texten Friedhelm Kändlers weit von der grassierenden Comedy-Welle positioniert und zeigte sich nun auf einmal in dieser wirklich neuartigen Kombination, die das bildungsbürgerliche Literatur Variete nicht mehr so recht bedienen wollte. Kritik am Konzept wurde dabei durchweg nicht wie auch immer als "Kritik am Konzept", sondern grundsätzlich mit dem stereotypen Satz "Das Schlagzeug ist zu laut!" formuliert. Das war schon recht schmerzlich für mich und ich muß Marcus hoch anrechnen, daß er in diesen Situationen tapfer verteidigte,  wiewohl er ja durchaus einen Teil seines Publikums zu verlieren drohte.

Irgendwann war dann auch diese Phase überwunden, derartige Einwände verstummten, und vielleicht dürfen wir uns sogar mit dem Verdienst schmücken, ein wirklich neues Format erfunden und -noch viel schwerer: auch durchgesetzt zu haben. Nach diesen anfänglichen Zeiten auf des Messers Schneide folgten zwei wirklich tolle und erfolgreiche Jahre, garniert mit Kleinkunstpreisen und Belobigungen aller Art. Und so war dieser Auftritt in Mühlhausen ein Paradebeispiel für jene Zeit des Glanzes: spannend, aber nicht aufgeregt; wohl konstruiert, aber mit  vielen kleinen Freiräumen zur Improvisation.

"Wenn es am schönsten ist, sollte man aufhören!" -- Ob man dieser Maxime nun privat folgen mag oder nicht: In der Kleinkunstszene wirst Du dazu praktisch gezwungen. Dort wird allenthalben alle zwei Jahre ein neues Programm erwartet, selbst an Orten, an denen Du noch gar nicht gespielt hast. So war es an diesem Abend auch schon klar, daß wir bereits im "Goodbye SchlagWorte - Modus" angelangt waren. Es gab danach noch auf besondere Nachfrage vereinzelte Aufführungen, währenddessen bastelten wir aber schon am neuen Programm "Näu", nun im Trio mit Bella. Das hatte für meinen Geschmack durchaus die Potenz, wieder richtungsweisend zu werden, vielleicht ein etwas offeneres Format mit der Möglichkeit, Gäste einzuladen...eher so eine Art Late Night Show -- aber uns fehlte definitiv der Impetus aus dem Jahre 2009; wir schienen uns auch nicht wirklich mit den Schwierigkeiten auseinanderzusetzen, die ein jedes neue Programm als Geburtswehen mit sich bringt, wollten vielleicht zu einfach anknüpfen und fortsetzen...wie auch immer: "Näu" spielten wir auch noch über einen Zeitraum von zwei Jahren, aber schon bei weitem nicht mehr so häufig, nicht mehr so intensiv, nicht so eklatant, letztlich auch nicht so erfolgreich. Es versandete einfach so.....

Marcus ist nun wieder solo unterwegs, aber wir sind immerhin noch gelegentlich in diesen größeren Shows á là "Hyrrä" verbandelt. Nach einer Fortsetzung unserer gemeinsamen Kleinkunstkarriere sieht es indes gerade nicht aus, aber wer weiß? - Manchmal braucht es ja nur einen Anstoß von außen....  -- Wo zum Teufel ist Martin Wiedemann, wenn man ihn braucht?  ;-)

 

 

 

 

28.10.2013: Train To Tonelli´s

 

 

 

 

13.11.2013: Mädchen, Mädchen in Baden, CH

Lukas Stäger, key; Andrea Isenegger, git

 

Ich habe einen seltenen, aber stereotypen und alle paar Jahre wiederkehrenden Traum, nicht direkt ein Albtraum, aber doch alles andere als angenehm: Ich bin dann im Publikum in einem recht großen Rockkonzertsaal, und während die Band die Bühne betritt, es handelt sich übrigens immer um Genesis, kommt ein Ansager ans Mikro und verkündet: Der Trommler sei krank, und ob denn jemand im Publikum einspringen könnte. Meine Kumpels neben mir drängen mich sofort, mich zu melden - das wäre doch mal was! -- Und tatsächlich wäge ich im Kopf ab, ob ich es riskieren soll: Es handelt sich fraglos um die 77er Tour und das Programm inclusive Supper´s Ready ist mir ja schon irgendwie vertraut, wiewohl ich es natürlich noch nie gespielt habe. Es gibt nun über die Jahre mehrere Enden: Mal wiegele ich ab, und wache auf, manchmal gehe ich aber tatsächlich auf die Bühne. Wenn es schlecht läuft, steht dort das Set von Phil Collins, also für Linkshänder, und ich wache mit sehr peinlichen Gefühlen auf, manchmal ist es aber auch das Chester Thompson Set, und sogar halbwegs passabel für meine Bedürfnisse aufgebaut. Ich nehme dann Platz und suche Blickkontakt zur Band und....wache auf während irgendjemand einzählt. Tatsächlich habe ich also noch nie einen Takt mit Genesis gespielt.

Am Vorabend des 13.11. klingelt um ca. 22h Bellas Handy. Ich selbst besitze ja solch modernes Gerät nicht, und so wenden sich vertraute Personen in Notfällen gerne an Bella. Sie nimmt ab, während ich schon im Schlafgewand vor Fernseher und Pilsgetränk liege. Es ist Andi, unser befreundeter Seiltänzer, mit dem wir schon so manche Show zusammen gemacht haben....Ich bedeute Bella, mich als bereits schlafend auszugeben, da ich schon völlig im Feierabend Modus bin. Sie redet eine Weile mit Andi und drängt mir dann das Handy auf: Die suchen einen Trommler. Ich nehme das Handy und tatsächlich: Sie suchen einen Trommler. Einen Tag vor der Prmiere von ihrer Show "Mädchen, Mädchen" hat der Kollege einen Hexenschuß erlitten und kann sich nicht mehr rühren. Ob ich morgen Mittag in Baden in der Schweiz sein könnte. Wir könnten dann kurz die Show durchgehen und die Vorstellung sei dann auch schon um 19h.

Ich sage zu. Die Show kenne ich nicht, aber der nächste Mittag eröffnet mir eine knapp 80 minütige Show, mit nahezu durchgängig eigens dafür komponierter Musik, manches atmosphärisch, vieles aber auch punktgenau auf die verschiedenen Szenen bezogen. Zudem bin ich auch  verschiedendlich szenisch beteiligt, z.B. als etwas verstörter Marschtrommler im Duo mit einem Akrobaten, so entfällt ein Großteil der verbleibenden Zeit auf das Erlernen jener eher theatermäßigen Elemente. Für die Musik selbst spielt Lukas mir ein paar Passagen per Video vor, da, wo es recht präzise zugehen soll, andere Dinge spielt er mir auf dem Klavier vor, und versucht mir grob zu erklären, wann ich mich möglichst an ihm, wann an den Artisten, wann an der Gitarristin und wann an allen zusammen orientieren soll. Das Set des Kollegen ist ja schon aufgebaut und -gottlob- ohne größere Veränderung für mich bespielbar. Dann geht es in die Maske zur Einkleidung, während sie den Originaltrommler auf einer Liege auf der Höhe des Schlagzeuges hinter den rückwärtigen Vorhang schieben, damit er mir im Notfall zurufen könne, was Phase ist.

Die wirklich vertrackten Passagen sind allerdings ohnehin so laut, das ich nichts hören könnte, insofern macht er vom Amt des Souffleurs keinen Gebrauch. Die Show selbst birgt dann noch einige Überraschungen, so z.B. eine Szene, in der die reizende Ulla, barbusig und unendlich langsam frontal auf mich am Schlagzeug zugeht. Im Gegensatz zu mir sieht das Publikum die beiden reizenden Gegenstände der Entblößung nicht, dafür um so mehr meinen in dieser Situation bestens ausgeleuchteten Gesichtsausdruck! Wenigstens muß ich in diesem Moment nicht Schlagzeug spielen und kein Fühlender wird mich verdammen, als ich bei meinem nächsten Einsatz eine Achtelnote verpasse....

Ansonsten heißt es natürlich: Keine große Kunst zeigen, versuche einfach, nicht aufzufallen und das Schiff irgendwie in den Hafen zu bekommen. Scheint halbwegs gelungen, denn bei der Aftershowparty werde ich gefeiert wie ein Olympionike.

Ich sollte beim nächsten Mal unbedingt versuchen durchzuschlafen und tatsächlich auch einmal Supper´s Ready spielen!

 

 

 

14.11.2014: Violentango im ND Teatro in Buenos Aires

Viele Musiker: Violentango zum zehnjährigen Bestehen mit vielen Gästen -- und "unser" fünfjähriges.

Ich greife wieder auf einen Text von damals zurück, direkt nach dem Erlebnis geschrieben, wiewohl der auch gleich das folgende Konzert mit einschließt.

 

Ich bin weit entfernt, Kritiken über "eigene" Konzerte zu schreiben, und da ich dieses Mal tatsächlich schon etwas mehr involviert bin, als nur Gast für ein / zwei Stücke zu sein, kann ich diesbezüglich auch nur auf die Facebook Seite von Violentango verweisen.....

Aus meiner Sicht gibt es aber folgendes zu berichten: Wie schon bekannt war, mietet man sich hier ein Theater (wenn man kann), zahlt horrendes Geld und bekommt dafür.....den Raum. OK, es ist ein Theater, also hängen auch ein paar Lampen rum, den spannenderen Teil der Lightshow-Materials bringen aber Nahuel und sein Bruder an. Jedes Getränk, jedes Sandwich kommt von einer der treuen Fangirls, die fraglos den gesamten Tag mit der Zubereitung zugebracht haben. Die bekommen auch hinterher Geld in die Hand gedrückt, vermutlich aber gerade mal die Einkaufssumme deckend; ansonsten finden die das einfach klasse dazu zu gehören (ich habe die auch alle schon mal hier und da auf einer Party gesehen), und dabei können die noch nicht einmal die Show sehen, zumindest zwei Damen sind beschäftigt, Getränke zu mixen und in der richtigen Temperatur zur Bühne zu tragen - wir reden hier natürlich wieder primär von dieser argentinischen Fernet-Cola-Krankheit.

Die Liste der freiwilligen Helfer geht aber noch weit darüber hinaus: Insgesamt ein gutes Dutzend Leute sind irgendwie beteiligt, als Stagemanager (dringend nötig bei dem Hühnerhaufen von Gastmusikern), Roadies, Filmcrew, Fotograf (durchaus Felix ebenbürtig, siehe Facebook!), ein paar Radio Heinis ohne nähere Funktion und natürlich die beiden Jungens, die die Rauchware bringen....ich denke, das passiert alles auf "lau"-Basis; dann natürlich Ton und Licht. Nahuel als Lichtchef und der Toni (Namen leider vergessen) mit seinen Hiwis werden wohl bezahlt, wahrscheinlich sogar ganz manierlich, aber das, was die abliefern ist dann aber auch sowas von erste Sahne. Ich bin mir sicher, ich habe noch nie unter SO einem Licht gespielt. Letztlich ist Nahuel (der Lichtler) für mich der Gewinner des Abends; daß er die Stücke alle auswendig kennt, größtenteils ja selbst spielen kann, wußte ich schon aus Europa -- hier hat er nun echte Möglichkeiten mit eigenem Material und bekanntem Pult........und das Konzept ist trotzdem enorm zurückhaktend! Er muß gar nicht zeigen, daß er jeden "kick" der Musik kennt, baut Atmosphären über lange Zeiträume, verzichtet während des Auftritts des Kammerorchesters gänzlich auf Farben, ---  man fühlt sich einfach wohl, wird beim Spielen inspiriert....  ich kann es kaum erwarten, das ganze auf Video zu sehen, denn was ich mitbekomme ist ja "nur" Bühne oder daneben, also gar nicht das wirkliche Bild....

Ähnlich dann am nächsten Tag in Mare Del Plata: Nahuel kann hier seine Geimwaffe, die fünf Octobins, nicht mitbringen, dafür hängen hier mehr Lampen - es ist ja auch das größte Musiktheater hier überhaupt. Dafür läßt er aber gleich mal die Hälfte aller Farbfilter entfernen, und ich glaube, von den Photos, die ich hinterher gesehen habe, zeichnen die Schwarz/Weißbilder am besten ab, was da zu sehen war! Die Magie von weißem Licht, so es beherrscht wird, war ja schon beim letzten Buenos Aires Trip eine der eindrücklichsten Erfahrungen....

Musikalisch ist der nächste Tag dann KOMPLETT anders. Das Programm ist fast das gleiche, ich darf ein paar mehr Stücke spielen, da die anderen Gäste fehlen, lediglich das Kammerorchester ist erneut am Start. Die Jungens spielen rein technisch gesehen ja auch die gleichen Töne, schließlich handelt es sich um auskomponierte Musik, aber ---- nun ist es auf einmal ein fast schon intimes Tango Konzert. In Buenos Aires, unter hohem Druck, mit all den Gästen..... das war schon "Big Rockshow Time". 

Ein weiterer Lernschritt für mich: Wie sehr Nuancen im Tempo oder in der Haltung den Gesamteindruck bestimmen! Gut, da sagt mir jeder deutsche Klassikspieler "ja, logisch, darum geht´s, das ist doch normal!" -- aber Freunde: Wir reden hier nicht davon, daß Karajan die Fünfte im Oktober 1972 zwei Schläge langsamer nahm, sondern von dem gefühlten Unterschied von Living Colour zu Van Morrison....  

Für mich dann noch relevant die persönliche Ansage vor dem Konzert von Juan: Wir gehen da raus und spielen bestimmt auch jede Menge Murks, aber wir tun das zusammen und solange wir uns angucken, spielen wir wenigstens zusammen Murks! Das ist für mich spannend (ich weiß gar nicht, ob er das vielleicht sogar beobachtet hat und bewußt auf mich gemünzt hat?), denn ich habe mir angewöhnt, die Mitmusiker eher selten anzuschauen, wenn es gut läuft. -- Da muß ich zu Hause nochmal drüber nachdenken.

 

 

 

 

18.4.2015: W.a.i.t.s. im Ewerk

Sascha Bendiks,   voc, p, git, acc

 

Kinder, Kinder: Wer in ein paar der vorigen Artikel gestöbert hat, hat sicher auch schon die ein oder andere negative Erfahrung, regelrechte Niederlagen und manch schräge Konzertsituation meinerseits mitbekommen, aber dieser Tag birgt den Spitzenplatz in der Liste meiner musikalischen Downers.

Die Fakten sind schnell beschrieben, eigentlich ist es überhaupt nur ein Faktum: Drei Tage vor diesem Konzerttermin (ich war gerade noch irgendwo im Ruhrgebiet auf einer Tour mit Chadbourne) schrieb Sascha mir eine mail, in der er mich wissen ließ, daß er bis auf weiteres die Bühne mit so jemandem wie mir nicht mehr teilen wolle. Er gehe allerdings davon aus, daß wir natürlich diesen Job im Ewerk, sowie auch noch drei weitere später im Jahr "mit Anstand" über die Bühne bringen würden.

Über die Gründe zu spekulieren, ist hier natürlich nicht der richtige Platz, seine Erläuterungen in der mail waren bestenfalls Anlässe, bestimmt nicht die "eigentlichen Ursachen" (wie es Hans Dieter Hüsch süffisant ausgedrückt hätte), auch soll es hier keinesfalls zur Schattenfechterei mit Sascha ausarten. Wohl aber will ich berichten, wie extrem sich diese Situation auf mich ausgewirkt hat:

Natürlich hatte ich auch den spontanen Gedanken, mit einem gesunden "Dann bleib, wo der Pfeffer wächst!" die mail zu schließen und einfach nicht aufzutauchen. Zum Glück aber besann ich mich, nicht zuletzt auch die zahlreichen Kollateralschäden ins Kalkül ziehend. Zweifellos würde dieses Konzert eine "once in a lifetime" - Erfahrung werden, und das übte sogar einen gewissen masochistischen Reiz auf mich aus. Wirklich viel Zeit, eine Haltung dazu zu finden, blieb nun auch nicht, und so war der einzige Plan, den ich mir für diesen speziellen Samstag Abend  zurecht legte, genau meine Gefühlssituation musikalisch umzusetzen.

Ich hatte immer behauptet, mich am Schlagzeug besser artikulieren zu können als vermittels Sprache, und tatsächlich hatte ich in früheren Jahren auch schon mal richtig kathartische Erlebnisse, z.B. bei einem Konzert unmittelbar nach Trennung von einer Frau...allein: An diesem Samstag wollte mir das einfach nicht gelingen. Jetzt war es eben nicht irgendein persönliches Problem, das mit Musik ganz im Aylerschen Sinne (Music Is The Healing Force Of The Universe) gelöst, oder zumindest gelindert werden konnte; das Problem war ja gerade hier auf der Bühne selbst, genau zwischen uns: Ein Duo-Konzert mit jemandem, der nicht mit Dir spielen will! 

Ob ich wollte oder nicht: Die ganze Zeit achtete ich nur darauf, nicht zu expressiv zu spielen, wollte um Himmels willen nichts tun, was irgendwie als Schwanzvergleich interpretiert werden könnte (einige wenige im Publikum wußten ja schon von der Situation). Ich wog jeden Fill In ab, wie er vielleicht wirken konnte, und spielte und analysierte mein Spiel gleichzeitig. Das ist sogar eine ganz bemerkenswerte Leistung, denke ich, nur eben keine besonders musikalische. Im Ausdruck blieb ich somit weitgehend bedeckt, überließ das Feld komplett Sascha, der sichtlich erleichtert durch seine Entscheidung, regelrecht befreit aufspielte. Vielleicht hat er auch nur so getan, dann aber Respekt vor der Darstellung!

Wie wenig ein Publikum mitunter von dem mitbekommt, was für diejenigen auf der Bühne sich wie ein Unterschied von vier Stück Torte zu einem gebrochenen Bein anfühlt, durfte ich dann in der Pause feststellen: Mein tabaksbedingter Aufenthalt vor dem Gebäude (auch ein guter Grund, die Garderobe nicht mit Sascha zu teilen) bescherte mir nun die  üblichen Komplimente über unser Programm....und ich mußte auch noch artig Danke sagen, denn den Leuten konnte ich ja nun unmöglich den Abend mit meiner persönlichen Horror story vermiesen.

Ähnlich, wie ich die Situation damals nicht "aufs Fell bringen konnte", kann ich auch mit so langem Abstand noch nicht wirklich umfassend beschreiben, was das alles in mir ausgelöst hat. Immerhin kann ich die zwei Lehren daraus formulieren:

1. Wie schon angedeutet: Ein Publikum kriegt weniger mit, als wir denken. Du glaubst, die könnten Dir wie mit einer Röntgenbrille bis auf die Knochen gucken....aber sie können es nicht; wahrscheinlich wollen sie das auch gar nicht. Also hast Du immer eine Chance, eine zumindest korrekte Aufführung hinzulegen, solange Du nicht selbst kapitulierst.

2. Ich habe mir in dem Zusammenhang erstmalig Gedanken darüber gemacht, was überhaupt Grundbedingungen des Musizierens für mich sind. Dazu zählt unbedingt: gemeinsam etwas erreichen zu wollen. Das klingt nach Platitüde, aber wenn Du einmal die völlige Abwesenheit dessen erlebt hast, bekommt das eine massive Bedeutung. Seither kann ich richtig schätzen, was eigentlich Selbstverständlichkeit ist.

Einen richtigen Schluß für diese Episode habe ich noch nicht. Es ist ja gerade erst anderthalb Jahre her. Sascha war vor zwei Wochen Besucher bei einem Konzert von mir. Ich weiß nicht, was das bedeutet - für diese Geschichte, oder für unsere Situation....aber ich habe mich darüber gefreut.

 

 

1.-3.5.2015: Hyrrätytö im Tollhaus zu Karlsruhe

Bella Nugent, voc, git; Wolfgang Fernow, b; Roman Müller, git; Marcus Jeroch, poems; + assorted acrobats

Die zweite komplett eigenständig produzierte Show von Stefan Schönfeld. Auch wenn die Vorgängerin "Hyrrä", quasi das "Mutterschiff" aus dem Jahre 2012, in dieser Serie nicht auftaucht, so war doch schon von einigen Schönfeld-Produktionen die Rede; fast schon eine separate Biographie, die hier als Nebenarm meines Gedankenflusses erscheint -- und mit "Hyrrätyto" einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. 

"Cirque Niveau" hatte ich irgendwann mal als deutlich selbstironisches Wortspiel ins Rennen geworfen, was dann auch prompt als Untertitel gewählt wurde. Dazu hatte ich einen recht skurrilen Text im Stile Matto Kämpfs verfaßt, den ich auch allabendlich zu Beginn der Vorstellung in Form einer Werkeinführung vortrug. Unmöglich, daß das jemand für bare Münze nehmen könnte, aber offensichtlich gelegentlich doch der Fall...und nachdem sich auch noch verschiedene Zeitungen sich in Ankündigung und Kritiken auf diesen Titel stürtzten, scheint "Cirque Niveau" nun ungewollt zu einer echten Beschreibung unseres Genres geworden zu sein.

Insofern möchte ich hier anstelle einer direkten Beschreibung unserer Show tatsächlich jenen Text vorlegen, der die Elemente des Programmes auf eine fiktive, Zirkus - historische Herkunft bezieht: 

Die Geschichte des Cirque Niveau -- Eine Werkeinführung Der Cirque Niveau ist gekennzeichnet von langsamer Erhabenheit, in der mitunter minutenlang nichts passiert, von akrobatischen Höchstleistungen, die dem Zuschauer bisweilen verborgen bleiben, von eindringlicher Musik, die sich gelegentlich ins molekulare reduziert; und natürlich:........ ohne Tiere. Aber wo kommt diese Zirkusform her? Viele glauben, dass müsse so um das Jahr 2013 im süddeutschen Raum passiert sein, vielleicht noch mit Vorläufer–Formen in den Jahren zuvor, aber – falsch! Die Anfänge des Cirque Niveau lassen sich recht genau auf die frühen zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts datieren. Und es ist eine gesamteuropäische Entwicklung! Der Auslöser für diese neue Form ist gut zu belegen, dafür um so tragischer: der erste Weltkrieg. Wir alle haben schon von den in den 19 Zwanzigern in Mode kommenden Kompositionen für einarmige Pianisten gehört. Diese liegen ja auch bis heute gedruckt vor; Und eine solche kreative Reaktion auf die Katastrophe des Krieges hat es natürlich auch in anderen Kunstbereichen gegeben, ebenso im Zirkus. Eine ganze Reihe europäischer, meist Familienzirkusbetriebe, versuchte in den Nachkriegsjahren, das Geschäft wieder aufzunehmen, musste aber auf die alten Artisten, nun Kriegsveteranen, zurückgreifen, denn die Nachwuchsarbeit war verständlicherweise ins Stocken geraten. Es konnte also sein, dass der vormals elegant schwebende und pirouettierende Seiltänzer jetzt in Ermangelung eines Beines lediglich noch zu Beginn von zwei Helfern auf das Seil gestellt wurde und gegen Ende der Vorstellung von der gleichen Stelle wieder abgenommen wurde. Jonglierrekorde wurden für Einarmige halbiert und Handstandakrobatikpaare –ehedem ausschließlich Duodisziplin- wurden ob der generell dezimierten Zahl der Akrobaten auseinandergerissen und mussten fortan ihre Kunststücke im Alleingang auf solchen Beinprothesen vorführen (Sprecher zeigt eine von Marie Eves "Handstandppflöcken"). Bemerkenswert dann auch die musikalische Entwicklung in jener Zeit: Der Zirkusband des Zirkus Salmonelli, der überwiegend im Raum Ostpreußen, Pommern, bis ins baltische unterwegs war, stand ein Geiger und ehemaliger Kavallerie Leutnant vor, der schon in den ersten Kriegsmonaten an der Westfront seine linke Hand verloren hatte. Nun gelang es ihm zwar problemlos, den Hals der Geige sicher auf diesem Stumpf zu platzieren, aber spielerisch standen ihm nun nur noch vier Töne zur Verfügung. Gleichzeitig trieb ihn pure Eitelkeit dazu, dem Rest seines Orchesters den Gebrauch von mehr als den ihm möglichen vier Tönen zu verbieten. Es entstand so die Quadrophonie, wie man es zunächst nannte, -- lange vor Stereo also! Der optisch auffälligste Wandel vollzog sich aber im Umgang mit den Tierdressuren: Zu Beginn des Krieges hatte man noch murrend, aber den Gesetzen nachkommend, die Hälfte der Pferde für den Fronteinsatz herausgegeben. Die andere Hälfte wurde dann spätestens im Steckrübenwinter von 1917 restlos verzehrt, so dass nach dem Krieg versucht wurde, stattdessen junge Mädchen mit den Federbüschen am Kopf zu beschirren und in die Mangege zu schicken. Diese waren durchaus nett anzusehen, waren auch weitgehend unversehrt, zeigten aber schon nach wenigen Runden im tiefen Manegensand deutliche Ermüdung. Auch fiel es ihnen offenkundig schwer, wirklich synchron zu laufen, so dass man im Laufe der Zeit auf die Longe verzichtete und auch von den Manegenumrundungen mehr und mehr zu stationären, individuellen, aber immer noch tierisch inspirierten Bewegungsmustern kam. Eine letzte Erinnerung an die Zeit der Zirkustiere wird im modernen Cirque Niveau noch bewahrt, allerdings hinter der Bühne: Hier verteilt ein eigens dafür bestellter Duftmanager in der Garderobe allabendlich, noch bevor die Artisten kommen, mit einem feinen Zerstäuber einen Geruchscocktail aus Pferd, Puma, Papagei und an Wochenenden auch Elephant. Im strengen Sinne ist der Slogan „ohne Elephanten“ also nicht – oder besser: nicht durchgängig zutreffend.

 

 

 

 

 

 5.9.2015: Bella & Schroeder in der Seniorenresidenz Deisenhofen

Bella Nugent, voc, git

 

Extreme Situationen - das ist ja das Hauptauswahlkriterium für diese Reihe von Aufsätzen, und sollte ich irgendwann mal auf die Idee kommen, die chronologische Reihenfolge aufzugeben und durch ein "Intensitäts-ranking" zu ersetzen, ist die Nummer eins ohne langes Nachdenken gesetzt: dieser Nachmittag in der "Residenz".

Mein Vater hatte im Mai des Jahres einen Schlaganfall erlitten, von dem er sich nicht mehr wirklich erholt hat. Von einem Tag auf den andern war sein selbstbestimmtes Leben zu Ende, das er bis in das stattliche 89ste Lebensjahr alleine zu Hause in Wesel gemeistert hatte. Nun folgten ein paar Wochen in der Reha Klinik, die ihn physisch etwas hochpäppelten, aber geistig nicht wieder herstellen konnten: Ich werde auch den Moment nicht vergessen, als ich zum ersten Mal aus dem Munde eines Arztes -für ihn ganz selbstverständlich ausgesprochen- das Wort "Demenz" hörte.....

Folgerichtig führte nun der Weg in die "Seniorenresidenz" in Deisenhofen, eine betreute Einrichtung am Wohnort meines Bruders. Ohne nun auf all die Aspekte dieses traurigen Kapitels einzugehen, ist eine Schwierigkeit natürlich die Kommunikation, die auf einmal gar nicht mehr so funktioniert wie früher, und ich muß (und darf!) seither viel lernen. Als ich dann hörte, daß ein Grillfest unten im Garten der Residenz für alle Bewohner geplant sei, kam mir reflexartig die Idee "Bella, da fahren wir hin und spielen". 

Den Termin hatten sie zwei Wochen vorher anberaumt und glücklicherweise hatte Bella Zeit. Da die Fahrt bis zu sechs Stunden dauert, waren wir schon am Vorabend angereist. Und erfuhren als erstes: Grillfest abgesagt. Wetterbedingt. -- Nach kurzer Rücksprache mit dem Stationsleiter Stefan dann der Entschluß: Wir spielen trotzdem, und zwar zum Kaffeetrinken oben im Gemeinschaftsraum der Station. 

Das war schon recht mutig, denn dort ist natürlich alles viel deutlicher, auch aufdringlicher als dezent in einem Eckchen des Gartens. Auch verschwieg der Stationsleiter Stefan gegenüber der Heimleitung, die er über ein derartiges Unterfangen selbstverständlich informieren mußte, daß es sich bei der "Musik" um Gesang und -- Schlagzeug -- handelte. So versuchte ich also auch, das Set möglichst unbemerkt in den Aufzug zu bugsieren, daß bloß kein Entscheidungsträger noch kurzfristig Bedenken anmelden könnte.

2. Stock. Geschafft. Nun flugs aufgebaut, während die Bewohner allesamt zum Mittagsschlaf verschwunden waren. Es sollte ja auch eine Überraschung sein. Kurz vor drei, also kurz vor der stationsüblichen Kaffeezeit tröpfelten die ersten Bewohner in verschiedenen Mobilitätsformen, aber durchweg im Zeitlupentempo in den Raum, und dann dauerte es immer noch eine kleine Ewigkeit, bis die ersten überhaupt bemerkten, was da vor der Fensterfront aufgebaut war.

Für mich ein alles entscheidender Moment, denn wenn da nun jemand ernsthaft Furcht vor zu erwartendem Schlgzeuglärm bekommen hätte, ...ja was dann?  -- Frau Welker, bemerkenswerte 95 Jahre alt, aber dennoch eine der geistig regsten in dieser Gesellschaft, fragte mich denn, wozu das aufgebaut sei, und ich erklärte ihr, wir wollten meinem Vater ein kleines Ständchen spielen, wobei ich wiederholt unterschwellig andeutete, es sei nur kurz und auch nicht laut.....Das schien sie aber gar nicht zu beunruhiegen, stattdessen fragte sie mit weiten Kinderaugen, ob denn sie und die anderen auch zuhören dürften! - Bereits da war ich schon kurz vor den Tränen und es hatte nicht mal angefangen.

Zwischenzeitlich füllte sich der Raum, auch mit Bewohnern anderer Stationen, sowie einer Reihe Pfleger und Pflegerinnen, die auch ohne ihre lilafarbenen Hemden schon am Alter als solche zu erkennen waren...Stefan hatte es wohl doch hausintern etwas publik gemacht. Und schließlich tauchte auch mein alter Herr auf, geduldig seinem Rollator folgend. Deutlich weniger geduldig war nun ich, und ich gab ihm kaum Zeit, die Situation überhaupt zu begreifen und stotterte meine kleine Eröffnungsrede, die ich mir in einer halb schlaflosen Nacht zuvor zurechtgelegt hatte. Völlig klar war mir gewesen, daß ich mir in dieser Situation freies "Extemporieren" nicht zutrauen konnte, und wenn ich ein paar Kapitel weiter oben behauptet habe, ich hätte kein Lampenfieber mehr: Hier war definitiv eine Ausnahme! -- Aber irgendwie hatte das auch nicht wirklich was mit Lampenfieber zu tun, es war ein anderes Gefühl, ähnlich in Hinsicht der Aufregung, aber gar nicht mal auf Musik bezogen.....

Mein Vater hatte mich in meiner ganzen Laufbahn überhaupt nur zweimal trommeln sehen, einmal vor gut 25 Jahren bei einer Jazz Session in Freiburg, dann vor relativ kurzer Zeit in Wesel, wo ich mit Marcus das "SchlagWorte" Programm aufgeführt hatte. Er hatte früher immer mal nachgefragt, wie es so laufe, hatte durchaus Anteil genommen und wußte seinen Freunden gegenüber erstaunlich detailliert zu berichten, was ich so treibe, woraus man sogar auf eine Art Stolz schließen könnte, aber er hatte es nie besonders darauf angelegt, mich auch tatsächlich irgendwo in Aktion zu sehen. Er betrachtete das wohl als "mein Ding", aus dem er sich besser raushielte. - Das hatte ich ja in meiner Jugendzeit auch tatsächlich so empfunden und gewollt...und dabei war es einfach über die Jahre geblieben.

Und jetzt stand ich also vor ihm und den anderen gut zwanzig alten Leutchen, und erklärte mit einer deutlich höher als normal klingenden Stimme, daß wir nun ein paar Lieder spielen würden, leider -Bellas Herkunft geschuldet- durchweg in englischer Sprache, aber in dem ein oder anderen Fall wolle ich ihnen dann auch erzählen, worum es in dem betreffenden Lied ginge. Selten habe ich so vorsichtig gespielt, und das ist echt schwer, wenn Du so aufgeregt bist, aber eigentlich war es gar nicht nötig: Unser Publikum war Feuer und Flamme! Ein paar irische Balladen, ein paar Lacher, als ich Bellas "Shit Day" erläuterte: Die meisten konnten indes nicht mehr so offenkundig reagieren, aber die Augen! In den Augen war so viel zu lesen, und ich schaute sie mir alle an....außer in die meines Vaters. -- Bis ich dann bei unserer Version von "I´ve Got You Under My Skin" hörte, wie er gebrechlich, aber vernehmlich mitsang....

Ich muß hier abbrechen.

Niemandem seien die Umstände gewünscht -- aber jedem die Erfahrung so eines Momentes! Ein tolleres Publikum gibt es nicht. 

 

 

Juni 2016 -- Mike Keneally Tour

Mike Keneally git, p, voc; Jaan Wessman, b

Es ist das Proben, was die ganze Sache so speziell macht!

Über jedes unserer elf Konzerte auf dieser Tour ließe sich trefflich ein eigener Bericht verfassen, garniert mit dem Wahnsinn unseres allgegenwärtigen Managers George Hofmann, den Bella aus gutem Grunde "Jack Nicholson" nennt -- aber die Konzerterlebnisse mit dem Außerirdischen habe ich vor zehn Jahren ja schon reichlich festgehalten. Schließlich wäre es auch zu schwer, ein bestimmtes Konzert herauszupicken, so lasse ich mich nun lieber über deren Vorbereitung aus:

Dreieinhalb Tage haben wir bei mir zu Hause zur Verfügung, das scheint verglichen mit früheren Anlaufzeiten sogar komfortabel, zumal es ja "nur" ein einstündiges Set einzustudieren gilt. (Wir sind auf der Tour zunächst nur Vorgruppe.) Natürlich wäre MK nicht MK, wenn nicht trotzdem ein Repertoire an Stücken generiert würde, das uns reichlich Abwechslung ermöglicht, schließlich am letzten Abend (nun nicht mehr Vorband) in einem dreistündigen Konzert gipfelt....Aber es ist nicht die Quantität, die das alles so einzigartig erscheinen läßt -- es ist die Atmosphäre: Eigentlich beginnt die Probe schon kurz nach der Ankunft. Ich hole MK zusammen mit Jaan vom Flughafen ab und nach dem Hallo ist die erste Frage im Auto: Habt ihr schon die neue Scheibe von Radiohead gehört? -- Natürlich nicht, denn die gibt es offiziell noch gar nicht, aber er hat sie schon auf dem Rechner und so dauert es nicht lange, bis wir zu Hause angekommen nach ein / zwei Begrüßungsbieren nun gemeinsam ebenjene Scheibe hören, und zwar von Anfang bis Ende, und zwar ohne einen Ton zu reden, und zwar laut....

Und genau das ist eigentlich schon "Proben", denn auch nebenan im Proberaum geht es ein / zwei Stunden später primär darum, sich gegeseitig "Spielweisen vorzustellen" -- so will ich es mal nennen.

Natürlich wird ab und zu auch mal eine knifflige Stelle vorgenommen, vielleicht sogar drei oder vier mal gespielt, werden ein paar Töne geklärt, die nicht so wirklich heraushörbar waren, oder eine rhythmische Passage korrigiert, aber das macht alles zusammen genommen in der ganzen Zeit vielleicht eine Stunde aus. Die Stücke "zu können", d.h., vor allem die mitunter hahnebüchenen Abläufe zu kennen, ist irgendwie selbstverständlich und wird auch von Mike keiner besonderen Erwähnung für nötig befunden; wohl aber quittiert er Passagen mit einem Lächeln, in denen ich exakt andere Keneally Schlagzeuger zitiere, oder aber erst recht, wenn ich Stellen, die nach einem bestimmten Riff oder Lick schreien, ganz anders darstelle.

Keneally amüsiert uns im Gegenzug mit der Wahl, was von einem vielstimmigen Arrangement er nun live in der Triosituation spielt, das kann auch mal ganz flott über viele Ebenen springen, vor allem aber hängt er sich richtig ins Solo Spielen rein. Ein "für die Probe nur mal angedeutet" gibt es da nicht, und es ist klar, daß ein Solo, wenn wir mal ein Stück zweimal hintereinander Spielen, komplett anders wird.....an verschiedenen Tagen ja sowieso.

Die Essenz eines Stückes zu kennen, sich aber dann ein ums andere Mal gegenseitig zu überraschen -- Das ist das Geheimnis dieser live shows, und genau das ist auch Gegenstand der Probe. Da schließt sich das gemeinsame Musik Hören nahtlos an: Nächtelang hauen wir uns gegenseitig Songs um die Ohren und meistens ohne Worte, nur über Lächeln, Gesten, Kopf wackeln oder mitsingen erfährt jeder, was für den anderen essenziell an dem Stück ist, wer welche Höhepunkte setzt, welche Linien oder Licks unabdingbar sind. -- Und so manches Mal heißt es dann am nächsten Tag auch: Was haben wir da gestern Nacht gehört? - Komm, das probieren wir mal eben aus....!

Nimmt man hinzu, daß auf der Tour dann bei jedem Soundcheck auch wieder etwas ganz anderes gespielt wird, auf jeden Fall mal nicht das, was im Konzertset vorkommt (in Stuttgart z.B. fängt er ganz unerwartet mit "Watermelons In Easter Hey" an, ein Stück, das er im Gedenken an Zappa niemals live spielen würde), bedenkt man, daß MK auch während der Konzerte oft spontan irgendeine Idee für eine Improvisation oder ein "fremdes" Stück aufgreift, das er dann coram publicam irgedwie zu vermittleln versucht, dann sind eigentlich sogar die ganzen 19 Tage eine einzige ausführliche Probe....

In Freiburg eilt mir ja der Ruf voraus, ein Probemuffel zu sein, und in der Tat: Ich mag es wahrlich nicht, mit anderen mein Instrument zu üben, oder ein Stück zu lernen. Aber PROBEN? -- Hier haben wir mal eine positive Definition, und siehe da: Unter wirklichen "PROBE- Umständen" sind mir auch 19 Tage nicht zuviel...  ;-)

 

 

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